Unterlassene Hilfeleistung vermeiden
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Bewusstes Wegschauen ist strafbar. Wer also einen Unfall bemerkt, jedoch gar nicht hilft, der begeht laut dem Strafgesetzbuch (StGB) eine Straftat. Aber was heißt helfen genau? Was müssen Sie tun – und was nicht? Hier gibt es Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Fast ein Jahr ist es nun her, dass ein 83-jähriger Mann in einer Bankfiliale in Essen-Borbeck an den Folgen eines schweren Sturzes starb. Vier Personen stiegen seelenruhig über den Rentner hinweg, erledigten ihre Bankgeschäfte und verließen die Filiale wieder, ohne sich um den Mann zu kümmern. Erst der fünfte Kunde rief den Notarzt, allerdings vergeblich – eine Woche später starb der Rentner im Krankenhaus an den Folgen einer Schädel-Hirn-Verletzung. In Essen wurden zwei Männer und eine Frau darum auf bis zu 3.600 Euro Geldstrafe wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt.

Was für viele Menschen nahezu unvorstellbar erscheint, ist oftmals jedoch bitterer Alltag. Schaulustige, die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindern, Raubüberfälle, Prügeleien in der Öffentlichkeit, die ignoriert werden oder Fahrerflucht – die Liste ist lang.

Weitere Informationen

Strafgesetzbuch (StGB) § 323c

"Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft."

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Wann und wie muss ich Hilfe leisten?

Laut Strafgesetzbuch müssen Sie dann Hilfe leisten, wenn es erforderlich und zumutbar ist. Das heißt, Sie müssen sich und andere nicht in Gefahr bringen, um zu helfen. Sollte es aber ohne Gefahr möglich sein, Menschen aus einer gefährlichen Situation zu befreien oder erste Hilfe zu leisten, müssen Sie das tun. Auch wenn Sie Angst haben, dass Sie Verletzten eher schaden als helfen, sollten Sie in jedem Fall immer mit einem Notruf die Polizei oder andere Rettungskräfte alarmieren.

Wie wird unterlassene Hilfeleistung bestraft?

Die Höhe der Geldstrafe oder der Freiheitsstrafe richtet sich nach dem Ausmaß und der Schwere der Tat. Eventuelle Folgen, wie etwa Körperverletzung oder Tötung, werden zudem im Strafprozess gesondert geahndet bzw. kommen erschwerend hinzu. Unterlassene Hilfe im Verkehrsrecht zieht zudem noch drei Punkte im Flensburger Verkehrszentralregister nach sich.

Hilfeleistung bei Unfällen

In erster Linie ist es wichtig, die Unfallstelle zu sichern. Das bedeutet: Warnblinkanlage anschalten, Warndreieck aufstellen und Warnweste anziehen. Außerdem sollten Sie dringend die Polizei und einen Rettungsdienst informieren. Grundsätzlich kann niemand von Ihnen verlangen, einen Schwerverletzten zu verarzten, Führerscheininhaber wurden aber in Erste-Hilfe-Maßnahmen geschult und sollten das natürlich anwenden, sofern es möglich ist. Die stabile Seitenlage oder die Herz-Lungen-Massage zur Wiederbelebung gehören zu den wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen.

Keine Rettungskräfte behindern

Bei einem Unfall neugierig zuzuschauen, behindert die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit. Sind Sie nicht der Erste am Unfallort und erkennen, dass Helfer involviert sind, sollten Sie es vermeiden, die Arbeit zu erschweren. Bilden Sie auf Autobahnen eine Rettungsgasse und blockieren Sie diese nicht, beispielsweise indem Sie auf der Autobahn wenden oder sich und andere Autofahrer durch ein Abbremesen in Gefahr bringen.

Sonstige Hilfeleistung

Auch bei Raubüberfällen oder Prügeleien ist Hilfeleistung gefragt. Das heißt nicht, dass Sie immer persönlich eingreifen und sich in Gefahr bringen müssen. Suchen Sie sich stattdessen Unterstützung, indem Sie möglichst viele Menschen aufmerksam machen. Ratsam ist außerdem immer, die Polizei zu rufen.

Wenn, wie oben beschrieben, jemand plötzlich bewusstlos wird oder sonst erkennbar gesundheitliche Schwierigkeiten hat, hat natürlich jeder Umstehende die Pflicht, zu helfen. Auch hier sollten mindestens Rettungskräfte per Notruf verständigt werden.

Was hindert uns am Helfen?

Beim Eingreifen sind neben der Angst häufig auch andere Faktoren essentiell. Während einige ein Gefühl der Unterlegenheit überkommt, fühlen andere lediglich Gleichgültigkeit. Der eigenen Meinung wird hier oftmals zu viel Wert zugesprochen. Einschätzungen, dass das Opfer selber schuld ist, dass andere für die Lösung verantwortlich sind oder dass der Konflikt ein Privatproblem der Betroffenen ist, verhindern oft die Zivilcourage.

Aus psychologischer Sicht ist für viele eine Kosten-Nutzen-Erwägung entscheidend für die Hilfe: Zu den "Kosten" der Hilfe zählen zum Beispiel die Gefahr der eigenen Verletzung, Zeitverlust, Blamage durch nicht sachgerechtes Handeln oder Unannehmlichkeiten, die grundsätzliche jede Einmischung in die Angelegenheiten anderer Menschen einbringen kann. Auch nicht zu helfen, bringt solche "Kosten" mit sich: Gewissensbisse, ein geschwächtes Selbstwertgefühl oder eine Strafanzeige. Der "Nutzen" der Hilfe besteht nicht nur aus dem konkreten Effekt für den Betroffenen, sondern auch aus der Vermeidung von Gewissensbissen, Selbstvorwürfen und einer eventuellen Strafanzeige.

Sendung: hr1, hr1 am Mittag, 18. September 2017, 12:40 Uhr

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