Unwort des Jahres

Renommierte Sprachwissenschaftler und Gastjuror Urban Priol haben in Darmstadt den Begriff "Klimahysterie" zum Unwort des Jahres 2019 gekürt. Aber was genau ist ein "Unwort"? Hier alles Wissenswerte.

Was ist ein "Unwort"?

Der Begriff Unwort ist ein Schlagwort aus dem Bereich der Sprachkritik und bezeichnet ein "unschönes", aber auch ein "unerwünschtes" Wort.

Woher kommen die potenziellen Unworte?

Alle Bürger können Vorschläge zum Unwort des Jahres mit Angabe einer Quelle des sprachlichen Missgriffs einreichen. Für das Auswahlverfahren können bis 31. Dezember des betreffenden Jahres Vorschläge gemacht werden, die den Grundsätzen der Unwort-Aktion entsprechen. In der ersten Januarhälfte des Folgejahres wählt eine Jury aus allen eingesandten Vorschlägen und auf der Basis einer ausführlichen inhaltlichen Diskussion das "Unwort des Jahres" aus.

Wer bestimmt das "Unwort des Jahres"?

Das Unwort des Jahres ist eine sprachkritische Aktion, die in Deutschland 1991 von dem Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufen wurde. Bis 1994 wurde das "Unwort des Jahres" im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Nach einem Konflikt mit dem Vorstand der GfdS machte sich die Jury als "Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres" selbstständig. Die institutionell unabhängige und ehrenamtlich arbeitende Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftler*innen sowie einem Journalisten. In diesem Jahr ist als Gastjuror der Kabarettist Urban Priol ergänzt.

Die fünf festen Mitglieder sind seit 2011 die Sprachwissenschaftler Martin Wengeler, Nina Janich, Jürgen Schiewe und Kersten Sven Roth sowie der Journalist Stephan Hebel. Gastmitglieder waren unter anderen Heiner Geißler (2011), Ralph Caspers (2012), Ingo Schulze (2013), Christine Westermann (2014), Georg Schramm (2015), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (2016) und die anonyme Aktionskünstlerin Barbara (2017).

Was macht ein Wort zum Unwort?

Die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" will mit ihrer alljährlichen Aktion auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so sensibilisieren. Sprachliche Ausdrücke werden dadurch zu Unwörtern, dass sie entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Absichten verwendet werden, und das öffentlich. Die Kritik an ihnen ist Ausdruck der Hoffnung auf mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln.

Für das Unwort kommen infrage:

  • Wörter, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen
  • Wörter, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren
  • euphemistische, verschleiernde oder irreführende Formulierungen.

Reine Schimpfwörter zählen nicht. Und: Die Jury richtet sich auch nicht nach der Menge der Vorschläge für ein einzelnes Wort

Welche unwortverdächtigen Begriffe wurden für 2019 eingereicht?

Die Jury hat rund 400 Begriffe unter die Lupe genommen, darunter

  • Ökoterrorismus
  • Ökodiktatur
  • Klimahysterie
  • Verschmutzungsrechte
  • Personalanpassung
  • Langlebigkeitsrisiko


Mehrfach eingesand wurde "Solidaritätsverbrechen" – damit werden Aktionen von Seenotrettern bezeichnet, die als Straftatbestand eingestuft werden.

Gibt es einen Trend?

Stand lange die Flüchtlingspolitik und Migration im Fokus, rückt nun die Ökologie und Klimadebatte in den Mittelpunkt. Allen voran stehen zahlenmäßig die Vorschläge "Verschmutzungsrechte" und "Klimahysterie", mit elf beziehungsweise sieben Nennungen.

Wie lauten die "Unworte" der vorherigen Jahre?

2018: Anti-Abschiebe-Industrie

Von Alexander Dobrindt im Mai 2018 verwendeter Begriff. Laut Jury unterstellt der Ausdruck denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen. Der Ausdruck Industrie suggeriere außerdem, es würden dadurch überhaupt erst Asylbewerber "produziert".

2017: Alternative Fakten

Bei dem Begriff "alternative Fakten" handele es sich um einen "verschleiernde[n] und irreführende[n] Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen."

2016: Volksverräter

Als "Volksverräter" wurden von verschiedenen Gruppen insbesondere demokratisch (= vom Volk) gewählte Politiker (= Volksvertreter) in Parlamentarier- oder Amtspositionen beschimpft

2015: Gutmensch

Als "Gutmenschen" wurden insbesondere diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf "Gutmensch", "Gutbürger" oder "Gutmenschentum" werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert

2014: Lügenpresse

Die Tatsache, dass die sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks (Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus) einem Großteil derjenigen, die ihn als "besorgte Bürger" skandieren und auf Transparenten tragen, nicht bewusst sein dürfte, macht ihn zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen, die ihn gezielt einsetzen.

2012: Opfer-Abo

Jörg Kachelmann äußerte anderthalb Jahre nach seinem Freispruch im Kachelmann-Prozess die Ansicht, dass Frauen in der Gesellschaft ein "Opfer-Abo" hätten. Die Wortschöpfung selbst stammt hingegen von seiner Frau. Die Jury kritisierte den Begriff dafür, dass er Frauen "pauschal und in inakzeptabler Weise" unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täter zu sein.

2011: Döner-Morde

Döner-Morde: Der Ausdruck stehe prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde. Durch die Reduktion auf ein Imbissgericht würden die Opfer der Morde in höchstem Maße diskriminiert und ganze Bevölkerungsschichten aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt

2007: Herdprämie

Das Wort diffamiert Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.

2002: Ich-AG

Reduzierung von Individuen - als Aktiengesellschaft? - auf sprachliches Börsenniveau.

1999: Kollateralschaden

Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit; NATO-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg.

1997: Wohlstandsmüll

Umschreibung arbeitsunwilliger wie arbeitsunfähiger Menschen; Helmut Maucher, Nestlé.

1996: Rentnerschwemme

Falsches, angstauslösendes Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt.

1993: Überfremdung

Scheinargument gegen Zuzug von Ausländern.

Sendung: hr1, hr1 Koschwitz am Morgen, 14.1.2020, 5 - 9 Uhr

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