Grippe im Homeoffice

Die Nase läuft, der Hals schmerzt. Trotzdem quält man sich zur Arbeit. Doch wie ist das im Homeoffice - und mit einer Krankschreibung, wenn man ohnehin zu Hause ist? Wir haben einen Arbeitsrechtler befragt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Der Laie sagt: 'Ich bin krank'. Der Profi sagt: 'arbeitsunfähig.'"

Erkältung Homeoffice
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Laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds waren 2019 rund zwei Drittel aller Arbeitnehmer im Büro, hinterm Verkaufstresen oder auf der Baustelle, obwohl sie krank waren. Meist aus Angst um den Job oder aus schlechtem Gewissen, die Kolleg*innen im Stich zu lassen. Die Arbeitswelt misstraute der Erkrankung lange und nahm sie nicht ernst.

In Zeiten von Corona ist das kaum mehr vorstellbar. Zudem hat das Bundeskabinett dafür verbindliche Standards beschlossen. Für Beschäftigte gilt der Grundsatz: Nie krank zur Arbeit kommen! Wer sich unwohl fühlt oder leichtes Fieber hat, muss den Arbeitsplatz umgehend verlassen oder gleich zu Hause bleiben, bis sich der Verdacht auf eine Corona-Infektion nicht bestätigt hat.

Mit Attest dürfen keine "beruflichen Tätigkeiten" verlangt werden

Doch welche Regeln gelten im Homeoffice, wo kein Kontakt zu Kollegen und damit auch keine Ansteckungsgefahr besteht? Kann der Arbeitgeber nicht doch ein bisschen Arbeitsleistung verlangen, beispielsweise auch mit Triefnase und Husten an Videokonferenzen teilzunehmen?

Fakt ist, dass man bei Unwohlsein, einer Erkältung oder Grippe im Homeoffice zwar niemanden anstecken kann, aber die gewünschte Arbeitsleistung nachlässt. Ärzte und Arbeitgeber sind jedoch nicht der Meinung, dass Angestellte bei jeder Erkrankung sofort und strikt das Bett hüten müssen. "Arbeitsunfähig ist man dann, wenn die Krankheit eine solche Auswirkung hat, dass man nicht in der Lage ist zu arbeiten. Wenn ich einen Schnupfen habe, dann kann ich häufig noch weiter arbeiten, wenn ich aber eine Grippe habe, dann bin ich arbeitsunfähig", erklärt der Rechtsanwalt für Arbeitsrecht Peter Groll.

Arbeitsrechtlich ist der Fall klar: Solange man krankgeschrieben ist, kann der Arbeitgeber keine beruflichen Tätigkeiten verlangen. "Auch im Homeoffice gilt: Ein ärztliches Attest ist ab dem dritten Krankheitstag vorgeschrieben. Aber anders als während des Corona-Lockdowns im Frühjahr ein Anruf beim Arzt genügte, muss man jetzt die Praxis aufsuchen", so Peter Groll.

Schweiz erprobt "reduziertes Arbeitspensum"

In der Schweiz wird bereits eine angepasste Tätigkeit im Homeoffice bei einem Krankheitsfall diskutiert. Der Schweizer Arbeitsmediziner Claude Sidler hält das Arbeiten von Zuhause aus trotz Krankheit sogar für eine gute Option. Er empfiehlt ein reduziertes Arbeitspensum als Zwischenlösung. Seine Patienten, die sich unfähig fühlen würden, im Büro ihrer Tätigkeit nachzugehen und dementsprechend ein Attest benötigten, seien meist immer noch in der Lage, reduziert von zu Hause aus zu arbeiten, konstatiert der Arzt.

Balanceakt zwischen Arbeitsdruck und Genesung

Wer derzeit im Homeoffice arbeitet und krank wird, für den ist es meist ein Balanceakt zwischen Arbeitsdruck und Genesung. Der Druck erhöht sich zudem, wenn man als freier Mitarbeiter für ein Unternehmen tätig ist: Bin ich wirklich so krank, dass ich ins Bett gehöre oder kann ich nicht noch ein paar Stunden am Computer arbeiten oder an einer Videokonferenz teilnehmen? Rechtsanwalt Peter Groll hat da eine ganz klare Meinung: "Wenn Sie zu Hause krank sind, und sei es auch nur ein starker Schnupfen oder eine heftige Erkältung, die Sie daran hindert, zu arbeiten und Sie können sich nicht mehr konzentrieren, dann sind Sie krank. Und dann arbeitet man auch nicht."

Sendung: hr1, hr1 am Vormittag, 3.9.2020, 9-12 Uhr

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