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Der Ursprung ihres Namens ist für viele Menschen ein Rätsel. hr1-Hörer haben uns ungewöhnliche Nachnamen zugesandt und Deutschlands bekanntester Namensforscher ging auf Spurensuche. Dazu haben wir eine Psychologin und einen Regionalforscher befragt.

Warum heißen wir, wie wir heißen?

Es gab eine Zeit, in der wir alle nur einen Namen hatten. Einen Rufnamen, oder wie wir heute sagen, einen Vornamen. Urkunden belegen, dass ab dem 12. Jahrhundert vermehrt Beinamen auftraten. Der Grund ist klar: Die Bevölkerungszahlen stiegen und Städte gründeten sich. Während in kleineren Siedlungen zum Beispiel der Vorname "Burkhard" nur einmal vorkam, gab es in den neuen Städten auf einmal zehn "Burkhards" auf engerem Raum. Um Verwechslungen zu vermeiden und Erbansprüche deutlich zu machen, haben sich die Menschen damals untereinander Beinamen gegeben.

Jürgen Udolph

Der Namensforscher Professor Jürgen Udolph erklärt das in hr1 so: "Wenn damals ein Mensch zum Pastor gegangen ist, um sein Kind taufen zu lassen, dann hat der Pastor nach dem Namen gefragt. Der Vater hat zum Beispiel Burkhard gesagt, woraufhin der Pastor fragte: Welcher Burkhard? Der Vater antwortete: Die Leute sagen zu mir "Bachmann", weil ich an einem Bach wohne. Und so notierte es der Pastor, der in vielen Orten der einzige war, der lesen und schreiben konnte."

Beinamen zur Unterscheidung

Menschen gaben sich also gegenseitig Beinamen. Bachmann ist ein Beispiel für einen sogenannten "Wohnstättennamen", ebenso wie Berg oder Wiese. Es gibt aber vier weitere Methoden, nach denen sich die Menschen ihre Beinamen gegeben haben: Entweder sie haben den Namen des Vaters oder der Mutter zu Grunde gelegt, z.B. Martin Petersohn, Karl Mariensohn. Auch beliebt waren Herkunftsnamen. Wenn ein Westfale nach Frankfurt kam, so nannte man ihn z.B. "Westphal".

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Was ist Onomastik?

Die wissenschaftliche Erforschung von Namen, auch Namenkunde genannt, heißt in der Fachsprache "Onomastik" (von altgriechisch: ὀνομαστική [ἐπιστήμη] onomastiké [epistéme] "Namenwissenschaft" bzw. ὄνομα ónoma "Name").

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Den größten Teil der heute gebräuchlichen Nachnamen sind die Berufsnamen, so wie Müller, Meier, Bäcker oder Schmidt. Übernamen sind Bezeichnungen, die auf körperliche, charakterliche oder biographische Eigenschaften des Namensträgers anspielen. So z.B. Lang, Groß, Lustig, Ernst.

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David Ahlf
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Mit der Bürokratie kamen die Beinamen

So, wie die Sprache sich stetig wandelt, haben sich auch die Namen entwickelt. "Deshalb sind für mich Namen auch das Gedächtnis der deutschen Sprache, weil wir in ihnen Begriffe wiederfinden, die heute niemand mehr benutzt", sagt Namensforscher Professor Udolph in hr1. Erst als mit den Preußen die Bürokratie in deutschen Landen Einzug erhielt, wurden die Beinamen auch flächendeckend amtlich festgehalten. Seitdem verändern sich Namen und ihre Schreibweisen nur noch marginal.

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Thomas Koschwitz
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Müssen wir heißen, wie wir heißen?

Die Antwort ist: Ja und nein. Es gibt in Deutschland seit 1938 die Möglichkeit, seinen Namen ändern zu lassen. Aber es gibt hohe Hürden dafür. "Wenn jemand zum Standesamt kommt und seinen Namen ändern lassen will, muss er dafür einen wichtigen Grund mitbringen", sagt Volker Hilpert von der Bundesakademie für Personenstandswesen in Bad Salzschlirf im hr1-Gespräch.

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Namensänderung kostet Geld

Ein Namensänderungsverfahren kann bis zu 1.000 Euro kosten. In der Regel werden beispielsweise im Kreis Bergstraße je nach Verwaltungsaufwand rund 200 Euro berechnet.

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Der Antragsteller muss glaubhaft versichern, dass er sich durch seinen Namen in seiner Persönlichkeit und seiner Entwicklung herabgesetzt fühlt. "Am besten, man bringt dazu ein psychologisches Gutachten mit", empfiehlt Hilpert. In Südhessen ist zum Beispiel der Name "Bitsch" sehr geläufig. Die unliebsame englische Übersetzung führt dazu, dass Menschen mit diesem Namen in der Regel ihren Namen ändern können.

Wie heißen unsere neuen Mitbürger?

In den vergangenen Jahren sind durch Flucht und Migration auch neue Namenskulturen zu uns nach Deutschland gekommen. Viele von ihnen haben ähnliche Prinzipien und gehen im Ursprung ebenfalls zurück auf den Namen des Vaters, auf Herkunftsnamen, Ortsnamen oder Eigenschaften. In großen Teilen des arabischen Sprachraums sind sogenannte "Namensketten" üblich. Namensforscherin Gabriele Rodriguez von der Uni Leipzig erklärt: "Das können endlos lange Ketten sein, in denen der Name des Vater, des Großvaters ebenso vorkommen, wie Eigenschaftsnamen oder Ortsbezeichnungen".

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Arabische Namen enthalten den Stammbaum

Im Namensbeispiel "Mohammed ibn Omar ibn Karem ibn Abdul" wird die ganze Ahnenfolge abgebildet – wobei "ibn"/ "bin" Sohn bedeutet.

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Fremd klingende Namen rufen oft noch Stereotype bei uns hervor. "Es wird wohl noch einen Zeitraum von 50 bis 100 Jahren dauern, bis die neuen, vor allem muslimischen Namen für uns selbstverständlich klingen", schätzt Gabriele Rodriguez. Aber Migration ist ja auch kein neues Phänomen, erinnert die Namensforscherin. Als vor mehr als hundert Jahren viele Polen als Bergarbeiter ins Ruhrgebiet gingen, waren Namen wie Kowalski, Michallek und Wrobel auch noch neu und ungewohnt. "Heute gehören sie zu den Nachnamen hierzulande selbstverständlich dazu."

Wie heißen denn nun wir Hessen?

Wenn man nach den absoluten Zahlen geht, dominieren in Hessen die Namen, die auch bundesweit auf den Häufigkeits-Rankings ganz oben stehen. Müller, Schmidt und Schneider. Wenn man aber genauer hinsieht gibt es einige Namen, die ihren Schwerpunkt in Hessen haben.

Ein Paradebeispiel ist der Name "Waldschmidt". Er kommt hauptsächlich im Lahn-Dill-Kreis und im Kreis Gießen vor. Dahinter steckt auch eine logische Erklärung. „Der Name geht ganz klar auf eine Berufsbezeichnung zurück. Die Waldschmiede haben vor allen Dingen in den Wäldern gearbeitet, die in der Nähe einen Flusszugang hatten, damit sie ihr Eisenerz dort waschen konnten. Deswegen ist diese Region dort so beliebt für Waldschmiede gewesen“, erklärt Juli Rutsch aus dem hr-Datenteam.

Bitsch ist typisch hessisch

Der Name Bamberger hat seinen Schwerpunkt mit mehr als 150 Menschen erstaunlicherweise im Kreis Marburg-Biedenkopf. „Nicht einmal in Bamberg selbst gibt es so viele Bamberger. Das liegt daran, dass sich vor 700 Jahren hier ein Weber aus Bamberg angesiedelt hatte, auf den der Name zurückgeht.“ Weitere Beispiele für Namen, die schwerpunktmäßig oder sogar ausschließlich in Hessen vorkommen, sind Schweinebraden, Bitsch, Obenhack, Seipp.

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Was der Nachname für uns bedeuten kann

"Namen lösen unbewusst Assoziationen in uns aus", weiß die Psychologin Sabine Siegl. "Es gibt Namen, die können Türöffner oder wie Stopper wirken." Mit einem Adelsprädikat etwa verbindet man gute Umgangsformen und eine gepflegte Erscheinung.

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Ungewöhnliche Nachnamen können zum Beispiel auch als Türöffner dienen, weil sie gleich ein Gesprächsthema liefern. "Außerdem bleibt man mit einem kuriosen Nachnamen bei anderen Menschen besser im Gedächtnis", so Sabine Siegl. Es komme nur darauf an, dass man durch sein Handeln positiv in Erinnerung bleibt. Aber auch gewöhnliche Namen können durchaus hilfreich sein. "Wir Menschen sind so gestrickt, dass wir anderen mit dem gleichen Nachnamen eher helfen", so Siegl. Mit gewöhnlichen Namen ist die Wahrscheinlichkeit höher, auf hilfreiche Namensvettern zu treffen.

Was Menschen mit skurrilen Nachnamen erleben

Jede Menge Lustiges, aber immer wieder auch Nerviges. Dunja Fickeis (30) aus Frankfurt erzählt zum Beispiel, dass Mails bei ihr im Spam-Ordner landen, weil der erste Teil ihres Nachnamens ein anzügliches Wort erhält, das von Spam-Filtern oft aussortiert wird. Trotzdem ist sie mit ihrem Namen soweit zufrieden. "Immerhin vereint er doch zwei schöne Dinge miteinander."

Herr Schweinebraden und Herr Steg auf Tour

Klingelschild Schweinebraden

Auch Jürgen Schweinebraden aus Niedenstein im Schwalm-Eder-Kreis hat so seine Erlebnisse mit seinem Nachnamen gehabt. "Oft glauben Menschen, die ich anrufe, das sei ein Scherzanruf und legen auf. Wer rechnet schon damit, dass ein Schweinebraden anruft." Lustig wird es, wenn er mit seinem Freund unterwegs ist, der auf den Nachnamen Steg hört. "Das klingt halt so ähnlich wie Steak. Und wenn Schweinebraden und Steak zusammen aufkreuzen, gibt es oft viel zu lachen."

Mit Stolz und Humor

Über verächtliche Reaktionen können Dunja Fickeis und Jürgen Schweinebraden nur lachen. "Ich kann es den Leuten nicht mal verübeln, wenn sie lachen müssen. Ich lache dann einfach mit", gesteht Dunja Fickeis. Auch Jürgen Schweinebraden kann mit seinem Nachnamen humorvoll umgehen.

Wenn er als Kind gehänselt wurde, hat er sich den nötigen Respekt verschafft. "Ich habe mich da nie unterkriegen lassen und in den kindlichen Streitereien war ich dann oft der Stärkere." Heute freut er sich darüber, dass er aufgrund seines Namens anderen Menschen besser im Gedächtnis bleibt. 

Hilfreiche Links:

Zentrum für Namenforschung: http://www.prof-udolph.com/

Wie weit ist Ihr Name verbreitet? https://geogen.stoepel.net/

Sendung: hr1, hr1 am Feiertag - Thementag "Nachname", 20.6.2019, 10 - 19 Uhr

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