Organspende

Jeder Bürger soll ein potenzieller Organspender sein - es sei denn, er widerspricht. Darüber debattiert am 16. Januar der Bundestag. Doch was bedeutet die doppelte Widerspruchslösung genau, die der Gesundheitsminister einführen möchte?

Noch ist die Rechtslage beim Organspenden so: Spender müssen per Patientenverfügung oder Organspendeausweis ausdrücklich erklären, dass sie Organe spenden möchten. Ist zu Lebzeiten keine Erklärung erfolgt, werden die Angehörigen zum mutmaßlichen Willen befragt. Das nennt sich Zustimmungs- oder Entscheidungslösung. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will diese Regelung mit der sogenannten doppelten Widerspruchslösung nun umdrehen.

Damit wird jeder automatisch zum Organspender, es sei denn man hat zu Lebzeiten Widerspruch erhoben oder aber die Hinterbliebenen widersprechen nach dem Tod. Daher der Begriff "doppelte Widerspruchslösung". Dieses Model wird auch auch vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach berfürwortet.

Widerspruchs- vs. Entscheidungslösung

Daneben debattiert der Bundestag aber auch weitere Vorschläge. Etwa die sogenannte Entscheidungslösung, die von Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linken-Vorsitzender Katja Kipping unterstützt wird. Wie die Abstimmung ausgeht ist offen, da der Fraktionszwang aufgehoben ist.

Beim Gesetzentwurf der doppelten Widerspruchslösung würde ab 1. Oktober 2022 jeder, der zu Lebzeiten nicht offiziell widersprochen hat, im Falle eines Hirntods automatisch ein potenzieller Organspender. Es sei denn, seine Angehörigen wissen, dass er dies nicht wollte. Bei der Entscheidungslösung soll eine Organentnahme weiterhin nicht ohne ausdrücklich geäußerten Willen des Spenders möglich sein. Die Bereitschaft zu spenden soll dafür regelmäßig erfragt werden.

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Organspende: Die Gesetzentwürfe kurz erklärt

Widerspruchslösung:
Es wird davon ausgegangen, dass jeder Bürger ein potenzieller Organspender ist. Es sei denn, er hat ausdrücklich widersprochen. Schweigen wird als Zustimmung gewertet. Eine Ablehnung der Organspende könnte in einem Widerspruchsregister dokumentiert werden.
Bei einer erweiterten oder doppelten Widerspruchslösung werden die Angehörigen befragt, ob ein schriftlicher Widerspruch vorliegt. Anders als bei der Zustimmungsregelung haben sie selber allerdings kein Mitentscheidungsrecht. Es sein denn, das Entscheidungsrecht wurde ihnen schriftlich übertragen.
Zustimmungslösung:
Bei diesem Modell können nur dann Organe und Gewebe entnommen werden, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten einer Organspende ausdrücklich zugestimmt hat.
Bei der erweiterten Zustimmungslösung können auch die Angehörigen stellvertretend für die verstorbene Person entscheiden, falls diese zu Lebzeiten keine Entscheidung dokumentiert hat.
Entscheidungslösung:
Sie ist eine Ausweitung der erweiterten Zustimmungslösung, die der Bundestag 2012 beschlossen hat. Krankenkassen und Versicherungen werden verpflichtet, ihren Kunden regelmäßig Informationen über die Organspende zukommen zu lassen. Alle Bürger sollen sich auf der Grundlage fundierter Informationen mit der eigenen Spendebereitschaft auseinandersetzen.
Reziprozitätslösung:
Hierbei erhält derjenige, der sich selber als potenzieller Spender registrieren lässt, im Gegenzug im Krankheitsfall bevorzugt selber ein Organ. Das würde einen Anreiz erhöhen, sich als Spender registrieren zu lassen und gleichzeitig für mehr Gerechtigkeit sorgen, weil Trittbrettfahren verhindert wird.

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Deutschland fehlen Organspender

Gesundheitsminister Spahn möchte mit seinem Gesetzentwurf der doppelten Widerspruchslösung für mehr potenzielle Organspender sorgen. Denn trotz aller Werbekampagnen für das Thema ist Deutschland im internationalen Vergleich nur Schlusslicht. Die von Spahn angestrebte Lösung ist in den meisten europäischen Ländern bereits Realität. Während auf eine Million Einwohner in Spanien 48, in Portugal 34 und in Norwegen 20 Spender kommen, sind es in Deutschland nur 11.

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Verstirbt ein Deutscher im Ausland, gilt grundsätzlich die Organspenderegelung des jeweiligen Landes.

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So ging hierzulande 2019 die Zahl der Organspender gegenüber dem Vorjahr von 955 auf 932 zurück. Laut Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) sank die Zahl der gespendeten Organe von 3113 auf 2995.

Mehr als 9.000 Menschen in Deutschland warten laut DSO auf eine Transplantation. Und obwohl 84 Prozent aller Deutschen einer Organ-und Gewebespende positiv gegenüber stehen, haben nur 36 Prozent einen Organspendeausweis.

Welche medizinischen Voraussetzungen müssen erfüllt werden?

Sollte die doppelte Widerspruchsregel kommen und jemand hat zu Lebzeiten nicht schriftlich widersprochen, wird er dennoch nicht zwangsläufig zum Organspender. Denn nur Menschen, bei denen ein Hirntod festgestellt wird, können Organe spenden. Das heißt, die Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms muss unwiderruflich ausgefallen sein. Zwei Ärzte müssen dies unabhängig voneinander feststellen. Da der Tod in den meisten Fällen zuerst durch Herzstillstand eintritt, kommt eine Organspende also nur für wenige Verstorbene in Frage. Eine Gewebespende kann dagegen noch bis zu drei Tage nach dem Herzstillstand vorgenommen werden.

Sendung: hr1 Koschwitz am Morgen, 16.1.2020, 5-9 Uhr

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