Ein methicillin-resistentes Staphylococcus aureus (MRSA) Bakterium unter dem Mikroskop.
Ein methicillin-resistentes Staphylococcus aureus (MRSA) Bakterium unter dem Mikroskop. Bild © picture-alliance/dpa

Antibiotika sind ein Segen für die Menschheit, doch zunehmende Resistenzen bedrohen ihre Wirksamkeit. Immer mehr Menschen sterben an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen. Wir erklären, wie man sich schützen kann.

Krebstherapien, Kniegelenkersatz, eine neue Niere - was für Millionen Patienten weltweit selbstverständlich scheint, wäre ohne die Entdeckung von Antibiotika vor 90 Jahren weitaus riskanter. Mit solchen Substanzen werden lebensgefährliche Bakterien, die sich bei Eingriffen verbreiten können, in Schach gehalten. "Zweifellos eine der wichtigsten Entdeckungen der Medizingeschichte", sagt Marc Sprenger von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf.

Zahl der Resistenzen wächst

Seit einigen Jahren aber schlagen Gesundheitsexperten Alarm, weil die Waffe gegen tödliche Infektionen stumpf zu werden droht. Die Zahl der Resistenzen gegen Antibiotika wächst rasant, viele Bakterien lassen sich nicht mehr kleinkriegen - und Schuld daran ist zum großen Teil der Mensch selbst. In der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen. wie eine aktuelle Studie des Magazins "Lancet" zeigt. Was passiert, wenn die Länder das Problem nicht bald in den Griff bekommen?

"Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken", sagt Sprenger, der die WHO-Abteilung für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen leitet. Bisherigen Expertenschätzungen aus dem Jahre 2007 zufolge, starben damals etwa 25.000 Menschen im Jahr an einer Infektion mit Bakterien, die gegen die eingesetzten Antibiotika resistent waren.

In Deutschland erlitten laut der aktuellen Studie im Jahr 2015 knapp 55.000 Menschen eine Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen, fast 2400 starben.

Wie entstehen multiresistente Keime?

Multiresistente Bakterien entstehen vor allem, weil Antibiotika nicht richtig angewendet werden. Also zu häufig, zu kurz, zu niedrig dosiert oder bei Vireninfektionen, bei denen sie gar nicht wirken. Aber auch der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung spielt eine Rolle.

Bei der Vermehrung der Bakterien kann sich deren Erbgut so verändern, dass sie unempfindlich gegen Antibiotika werden. Sie überleben die Behandlung mit Antbiotika und vererben diese Fähigkeit. Sind Bakterien gegen viele Antibiotika widerstandsfähig, spricht man von Multiresistenz. Tritt dann eine Infektion mit diesen Erregern auf, lässt diese sich weitaus schwieriger behandeln.

Wie kann man sich vor einer Antibiotika-Resistenz schützen?

  • Verschreibt Ihnen der Arzt ein Antibiotika, nehme sie es unbedingt wie verordnet ein.
  • Halten Sie sich an die vorgeschriebenen Einnahmezeiten.
  • Verwenden Sie keine übrig gebliebene Antibiotika zu einem späteren Zeitpunkt.
  • Nehmen Sie kein Antibiotika ein, das anderen Personen verordnet wurde.
  • Treten Auffälligkeiten bei der Einnahme auf, informieren Sie Ihren Arzt.
  • Setzen Sie das Medikament nicht ohne Rücksprache ab.
  • Kaufen Sie keine Antibiotika im Ausland oder im Internet.
  • Achten Sie auf ausreichende Hygiene, um es gar nicht erst zu Infektionen kommen zu lassen.
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Rückblende

1928, als einfache Wundinfektionen oder Diphtherie, Lungenentzündung und Tuberkulose für Patienten oft ein Todesurteil waren: Ein schottischer Bakterienforscher merkt nach der Rückkehr aus dem Urlaub, dass sich auf einer Bakterienkultur in seinem Labor ein Schimmelpilz gebildet und die Bakterien vernichtet hat. Der Pilz heißt Penicillium. Alexander Fleming (1881-1955) ist sich seiner bahnbrechenden Entdeckung sofort bewusst. Es dauert aber noch 14 Jahre, bis das erste Penicillin auf den Markt kommt. Fleming erhält 1945 den Medizinnobelpreis.

Nach dem Penicillin werden weitere gegen Bakterien wirkende Verbindungen gefunden. Doch Bakterien entwickeln auf uralten und natürlichen Wegen Überlebensstrategien gegen Substanzen, die ihnen schaden. Sie werden resistent. Aber auch Ärzte, Patienten und Bauern tragen zu dem Problem bei. Bauern, weil sie Antibiotika lange flächendeckend in der Massentierhaltung eingesetzt haben und teils noch einsetzen, um ihre in der Enge anfälligeren Tiere vor Seuchen zu schützen. Die Antibiotika gelangen über das Fleisch in die Nahrungskette des Menschen und erlauben es Bakterien, sich daran zu gewöhnen.

Hoher Antibiotikaverbrauch in Südeuropa

Bei Ärzten und Patienten liegt die Sache anders. "Es ist ein kulturelles Phänomen", sagt Sprenger. "Auch, wenn viele Infektionen eigentlich nach ein paar Tagen von selbst weggehen, verlangen Patienten oft nach Antibiotika und Ärzte sind zu schnell dabei, ihre Wünsche zu erfüllen." Während ein Arzt in Westeuropa Patienten inzwischen oft beruhigen und auch mit Hausmitteln nach Hause schicken könne, verlangten Patienten in ärmeren Ländern, die für einen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen, häufig nach Medikamenten.

Schon innerhalb der EU sind die Unterschiede drastisch: In Süd- und Mitteleuropa - etwa Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn, Rumänien, Polen - sind teils schon weit über 50 Prozent bestimmter Bakteriengruppen gegen einzelne Antibiotika resistent. In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien sind es meist deutlich unter zehn Prozent. In Griechenland und Zypern liegt der Verbrauch von Antibiotika pro 1000 Einwohnern etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.

In fünf bis sieben Jahren nur noch ein oder zwei potenzielle neue Präparate

In manchen Ländern sind Antibiotika gar an der Straßenecke oder auf den Markt erhältlich. In anderen werden die Wirkstoffe von skrupellosen Geschäftemachern verdünnt. Ein falsches oder unwirksames Mittel oder eine falsche Dosierung sorgen aber dafür, dass Bakterien sich an die Medikamente anpassen, dass sie überleben.

Nötig wären neuartige Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen, sagt Sprenger. Die Wissenschaft habe aber seit 30 Jahren praktisch keine neuen Angriffsflächen mehr gefunden. "Es sind neue Medikamente in der Forschungspipeline, aber wahrscheinlich haben wir in fünf bis sieben Jahren nur noch ein oder zwei potenzielle neue Präparate", sagt Sprenger. Die Grundlagenforschung ist teuer und der Aufwand, ein Präparat zu entwickeln, das später möglichst wenig eingesetzt wird, lohnt sich für Pharmafirmen eher nicht.

Neue Wirkstoffe werden erforscht

Da muss staatliche Unterstützung her. Dafür hat Deutschland in der G-20-Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer Unterstützung zusammengetrommelt. "Die G20 haben sich unter deutscher Präsidentschaft dazu verpflichtet, die Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe kraftvoll voranzutreiben", sagte Gesundheitsminister Hermann Gröhe 2017.

"Wir brauchen starke Gesundheitssysteme, damit Antibiotika nur über Ärzte nach Abklärung der Notwendigkeit ausgegeben werden", sagt Sprenger. Dabei müssten reiche Länder die ärmeren unterstützen. Die WHO verstärke Aufklärungskampagnen für Ärzte und Patienten. In Indien und China, wo viele der Antibiotika hergestellt werden, seien Rückstände aus Fabriken teils in die Umwelt gelangt. Inzwischen seien sich die Länder des Problems bewusst und kümmerten sich.

Sendung: hr1, hr1 am Mittag, 6.11.2018, 12 Uhr

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