Femme dans un fauteuil

Im Auktionshaus Christie's wird eines der berühmtesten Picasso-Werke für 30 Millionen US-Dollar versteigert. Doch wer ist die "Frau auf einem Sessel" und warum ist das Porträt so begehrt? Mit einer Kunstexpertin haben wir die Geschichte um das geheimnisvolle Modell nachgezeichnet.

Die Dame mit dem knallroten Lippenstift, dem langen schwarzen Haar und den spitz manikürten Fingernägeln trägt einen Federhut auf dem Kopf und eine weiße Spitzenbluse mit Herrenkragen unter der großkarierten Kostümjacke.

Symbol für weibliche Stärke

"Schon mit seinen Maßen 130 mal 97 Zentimetern ist dies ein großes Werk. Es ist ein Symbol für weibliche Stärke, Mut und Kraft", betont Natalie Ratziwill, Kunstexpertin und Repräsentantin des Auktionshauses Christie's in Frankfurt. Das Modell blickt dem Betrachter stolz und herausfordernd entgegen. "Es waren ja auch herausfordernde Zeiten in Paris zu Beginn der 1940er Jahre unter deutscher Besatzung", schildert die Kunstexpertin.

Extravagante Erscheinung

Tatsächlich war die Frau, die für "Femme dans un fauteil" dem berühmten Maler Pablo Picasso 1941 und viele weitere Male Modell saß, auch im echten Leben eine extravagante Erscheinung und leidenschaftliche Selbstdarstellerin. Zum maßgeschneiderten Outfit gehörte stets auch ein exaltierter Hut, entworfen von der berühmten Modeschöpferin Elsa Schiaparelli. Die beiden Damen waren befreundet und Teil des Pariser Kunstszene der 1930er bis 1950er Jahre.

Fasziniert vom "Messerspiel"

Die Künsterin Dora Maar

Ein bekannter Szenetreffpunkt war das Café "Les Deux Magots" im Pariser Stadtteil Saint-Germain-des-Prés. Dort traf die junge Fotografin in ihrem "Schicksalswinter" 1935/36 auf Picasso. Der spanische Maler war fasziniert von der schönen, temperamentvollen Frau mit den mystisch grünen Augen. Nicht nur in ihrer Kleidung, auch in ihrem Wesen war die Maar außergewöhnlich, emotionsgeladen und extrem. So berichtet die Frankfurter Kunstexpertin Natalie Ratziwill von Maars waghalsigem Messerspiel, mit dem sie Picasso bei ihrer ersten Begegnung in ihren Bann gezogen haben soll.

"Dora Maar zog ihre langen schwarzen Handschuhe mit den aufgenähten rosa Blumen aus und legte ihre Hand auf den Tisch. Dann ließ sie ein spitzes Messer über ihrer Hand kreisen und rammte es blitzschnell zwischen ihre gespreizten Finger. Manchmal verfehlte sie die Freiräume um wenige Millimeter und ritzte ihre Haut. Blut tropfte."

Begehrtes Werk bei Sammlern

Auch wenn man sich als Sammler nicht für diese außergewöhnliche Liebesgeschichte interessiert: "Bei Picasso macht man nie etwas falsch, er war zu seiner Zeit außergewöhnlich und wird immer nachgefragt sein", weiß zudem die Frankfurter Repräsentantin den Auktionshauses Christie's und gibt uns Einblick in das Verhältnis von Maler und Modell, die auch ein Liebespaar waren. Im Jahr ihres ungewöhnlichen Kennenlernens wurde die 29-jährige Fotografin die Muse des 55-jährigen Malers – und eine der wichtigsten Frauen in seinem Leben.

An der Trennung zerbrochen

Die Beziehung, in der sich Maar aus Liebe zu Picasso von der Fotografie hin zur Malerei wandte, währte acht Jahre. "Am Ende hat Picasso sie dann verlassen, als er die 21-jährige Malerin und Grafikerin Francoise Gilot kennenlernte", erzählt Ratziwill. Die Trennung von Picasso, der ihr mehrere Stillleben, Zeichnungen und ein Haus in der Provence überließ, konnte Dora Maar nur schwer überwinden. Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, mied gemeinsame Freunde und litt an starken Depressionen.

Erst postum von den Kritikern wahrgenommen

Viele Historiker und Kritiker nahmen die außergewöhnliche Fotografin und Malerin lange Zeit nicht als eigenständige Künstlerin wahr. Das änderte sich erst nach ihrem Tod im Juli 1997. Im Mai 2006 erreichte die Sotheby's-Versteigerung von Pablo Picassos Porträt "Dora Maar au Chat" ("Dora Maar mit Katze", 1941) in New York einen Rekorderlös von umgerechnet 75,4 Millionen Euro - der zweithöchste Preis, der bis dato für ein Gemälde bei einer Auktion gezahlt wurde. Damit galt "Dora Maar au Chat" als viertteuerstes Gemälde der Welt.

Nach Schätzungen von Experten wird der zwischen 20 bis 30 Millionen US-Dollar taxierte Wert des Porträts von Dora Maar nun auf dem "20th Century Evening Sale" der New Yorker Dependance von Christie's um ein Mehrfaches überboten werden. Denn Picassos Porträts von Maar sind unter Sammlern sehr begehrt und eine krisensichere Wertanlage.

Sendung: hr1, hr1 Koschwitz am Morgen, 6.10.2020, 5 - 9 Uhr

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