Charles Aznavour tot

Im Herbst waren noch Konzerte geplant, jetzt ist Charles Aznavour im Alter von 94 Jahren verstorben. 2014 gab der Franzose hr1 ein ausführliches Interview und sprach über das leben, die Jugend und Edith Piaf.

Eine echte Chanson-Größe zu Gast bei hr1: Musikredakteurin Inge Lauter hatte 2014 das Glück mit Charles Aznavour zu sprechen und dem Altmeister auf den Zahn zu fühlen. Das folgende Interview ist aus dem Französischen übersetzt und sinngemäß wiedergegeben.

Nähere Informationen zum Leben Aznavours finden Sie hier.

Sie haben heute einen langen Tag (mit Interviews) vor sich…?

Ich bin das gewohnt. Wenn man diesen Beruf macht, dann muss man auf alles vorbereitet sein, was dazu gehört. Man wird nicht dazu gezwungen, aber man sollte es wohl machen, also mache ich es. In Frankreich sagen wir: man soll nicht in die Suppe spucken.

Ich finde es interessant, dass Ihr Publikum altersmäßig von 10 bis  90 geht?

Tatsächlich hat mein Publikum keine Vorurteile, denn selbst die, die Rap und Slam machen, mögen mich, und kommen um mich zu sehen. Ich habe sogar einiges aufgenommen mit ihnen. Ich habe für die Jugend immer eine offene Tür, denn ich hatte selber keine Jugend. Ich bin ein Kriegskind und hatte daher keine Jugend. Ich hatte nicht das Glück, dass meine Karriere ganz normal angelaufen ist. Ich hatte nur Sorgen, und das bringt mich denen näher, die schon von Anfang an Hindernisse überwinden müssen.

Ich habe gelesen, dass Sie den französischen Rap mögen, weil Ihnen die Texte gefallen, ist das war?

Erst mit dem Rap wurden wieder gute Texte geschrieben. Denn die, die heute Chansons schreiben, die haben nicht mehr so gute Texte, wie die, die Rap und Slam machen.

Sie sind scheinbar auf der Höhe der Zeit. Halten Sie sich auf dem Laufenden, hören Sie aktuelle Musik? Interessiert Sie das?

Ich verfolge das, was mir begegnet. Ich suche nicht, ich lasse die Dinge zu mir kommen. Deshalb mag ich das Radio, denn es gibt dir einzelne Stücke, ob Klassik, Gesang, was auch immer, und aus dieser Mischung kann man wählen. Ich mag daher die spezialisierten Radiosender nicht so gerne, außer die Jazzsender, denn den Jazz habe ich schon immer geliebt.

Würden Sie gerne Jazz singen?

Ja, aber ich singe keinen Jazz, ich jazzifiziere meine Chansons, das ist nicht das gleiche. Das bedeutet, der Jazz ist überall, man kann alles sagen, im Rahmen der Jazzmusik. Der Jazz versklavt sich für niemanden.

Ich wollte eigentlich mit ihrem 90 Geburtstag beginnen, der im Mai ist…

Ja, aber ich achte nicht auf meinen Geburtstag. Meine letzte Geburtstagsfeier hatte ich, als ich 50 wurde. Danach habe ich aufgehört zu feiern. Ich habe am selben Abend noch gesagt: das nächste Mal feiere ich meinen Geburtstag, wenn ich 100 werde. Aber nicht vorher, das hat keinen Zweck.

So altert man nicht – ist das also Ihr Geheimnis?

Ich weiß nicht, aber eins ist sicher: ich möchte nicht gezwungen sein, mich jedes Jahr daran zu erinnern, dass ich ein Jahr weniger zu leben habe.

Sie leben gern?

Ja, ich lebe gerne. Und ich bin als Überlebender geboren. Ich habe viele Dinge geschafft, weil ich Optimist bin. Man muss immer denken: es gab Schlimmeres, also muss es etwas Besseres geben.

Wenn Sie also an ihrem 90. Geburtstag in Berlin auf die Bühne gehen, wird es da keine Überraschungen geben? Wird Ihre Familie dabei sein?

Vielleicht wird meine Tochter da sein. Sie hatte in letzter Zeit Probleme und hat daher seit einiger Zeit nicht mehr mit mir gesungen. Aber abgesehen davon? Nein, welche Familie?...Ah, doch! Ja, meine Schwägerin und ihr Mann, die haben es nicht weit, sie kommen aus Hamburg. Also wird jemand von der Familie da sein. Aber sie kommen nicht wegen meines Geburtstags, sie kommen, weil das Konzert in Berlin ist, das ist nicht dasselbe.

Wird es für die Konzerte in Deutschland ein spezielles Programm geben?

Nein, ich mache überall das gleiche. Das einzige, was sich ändert, ist, wenn ich an einem Tag mehr Lust habe, das eine oder andere zu singen. Das ist alles. Es sind so an die 20 Chansons für jedes Konzert. Aber wir bringen 30 mit. Und wenn man mir beispielsweise sagt, wie kürzlich in Miami, dass viele Spanier im Publikum sind, dann singe ich fließend auf Spanisch. Ich habe früher phonetisch richtig auf Deutsch gesungen, aber jetzt habe ich nicht mehr die Kraft dazu. Anstatt es also schlecht zu machen, mache ich es gar nicht. In manchen Ländern fragt man mich, ob ich Lieder auf Englisch singen kann. Das tue ich dann, wenn es die Lieder sind, die ich sowieso auf Französisch singen wollte, also keine anderen Chansons. Ich habe etwa 40 Chansons in vier verschiedenen Sprachen.

Sie sind dabei, ein neues Album aufzunehmen?

Ich arbeite seit einem Jahr daran. Ich habe es noch nicht aufgenommen. Ich habe keine Eile, ich bin ja noch nicht hundert Jahre alt.

Ich habe in einer Berliner Zeitung gelesen: „Der Große Meister des Chansons, nein, der Gott des Chansons kommt nach Berlin.“ Schmeichelt Ihnen so etwas, oder ist es Ihnen egal?

Mir graut es davor. Also das Wort Legende oder das Wort Genie, das ist für Leute aus unserem Metier nicht angemessen. Die Legende ist man, wenn man schon lagen tot ist. Ein Genie ist einer, der etwas für die Menschheit erbringt, und nicht, wenn man vier Liedchen singt. Man sollte auf dem Boden bleiben, und ich bleibe auf dem Boden. Man kann mir nicht schmeicheln, ich mag keine Schmeicheleien. Ich bin ja nicht in diesem Beruf, damit man mir schmeichelt. Ich mache diesen Beruf, um mir Freude zu bereiten, indem ich anderen Freude bereite. Da geht es für mich hin - ich mache mir Freude, indem ich dem Publikum Freude bereite.

Es ist außergewöhnlich, wenn jemand in diesem Alter noch auf der Bühne steht und so aktiv ist.

Nein, ich bin nicht aktiv, ich bin auf der Bühne glücklich. Das ist es, und das sieht man. Eigentlich ist es keine Aktivität, denn ich bin viel langsamer als früher. Ich setze mich auf der Bühne jetzt öfter mal hin. Ich bin nicht mehr so schnell auf der Bühne. Aber was mir am Wichtigsten erscheint, ist, dass ich Freude habe an dem, was ich mache. Und das ergibt einen schönen Rhythmus um den Gesang herum.

Wie halten Sie sich fit? Trainieren Sie, sich selber, ihre Stimme, machen Sie Übungen?

Ich kann nichts trainieren, was ich nicht habe. Das ist schwierig. Das ist keine Stimme, was ich habe, das ist ein Ton, Irgendetwas. Vor einigen Monaten habe ich in Porto Alegre gesungen, und das war meine schwierigste Show, denn ich hatte überhaupt keine Stimme mehr. Also habe ich das Publikum gewarnt und habe 2 Stunden ohne Stimme gemacht, und das hat gut funktioniert. Seitdem sage ich mir, ich kann weiter machen. Ich habe es ihnen auch gesagt, ein wenig scherzhaft, ich dachte, ich amüsiere sie ein bisschen. Ich habe immer etwas Humor auf der Bühne, nicht zu viel, nur so viel wie nötig. Und ich erzähle mein Leben, ich erzähle das, worauf ich gerade Lust habe, dort wo ich es kann, das geht nicht überall, nur in den Ländern, in denen man Englisch oder Französisch versteht. Wenn man mir sagt, ich kann es auf Englisch erzählen, dann mache ich das.

Das heißt, Sie fühlen sich wohl  auf der Bühne?

Ja, da bin ich bei mir.

War das schon immer so, auch als sie ein Kind waren?

Nein. An dem Tag, an dem ich gemerkt habe, dass das Publikum wegen mir kommt, hat mich das befreit. Das hat mir das Lampenfieber genommen. Ich sage nicht, dass ich keine Bedenken habe, wenn ich etwas Neues ausprobiere, eine neue Orchestrierung. Bedenken ja, aber Lampenfieber nein. Aber in dem Moment, wo Sie akzeptiert sind, und die Leute wegen Ihnen kommen, gibt es keinen Grund, Angst zu haben.

 Wie sieht ein typischer Tag für Charles Aznavour aus?

Zuerst einmal arbeite ich. Ich stehe morgens auf, und direkt nach dem Frühstück, wenn ich mich gewaschen,  gekämmt und angezogen habe - alles immer korrekt, ich bin nie unrasiert oder unfrisiert, immer korrekt - dann setze ich mich an den Tisch, um zu arbeiten. Dann ruft man mich: "Wir essen!". Und ganz automatisch sage ich dann immer: "Nein, nur noch 2 Wörter, ich muss noch eine Zeile fertig texten." Immer. Aber das ist mein Leben. Ich liebe es zu arbeiten. Manche lieben es, sich auszuruhen. Ich kann mich nicht ausruhen, das konnte ich noch nie. Das konnten mein Vater und meine Mutter auch nicht. Meine Schwester kann es auch nicht. Wir sind eine Familie von ‚Sich-Nicht-Ausruhen-Könnern‘.

Ihre Eltern haben auch viel gearbeitet?

Meine Eltern haben ihr Leben und ihre Träume geopfert, um ihre Kinder aufzuziehen. Denn sie sind in einem Land angekommen, das nicht ihres war. Sie haben Berufe ausgeübt, die nicht die ihren waren, da sie die Sprache nicht konnten, also haben sie ihre Träume geopfert. Und sie haben das gemacht, ohne jemals darüber zu sprechen. Ich habe das erst sehr spät gemerkt, und habe gesagt: ‚Ich habe den Eindruck, daß sie alles für uns geopfert haben‘. Und das ist wahr. Das ist die Migration. Die Migration bedeutet, dass man die Träume für die Kinder opfert, sonst ist man kein gutes Elternpaar.

Ihre Eltern wollten ja ursprünglich in die USA, und später haben Sie selber in den USA großen Erfolg gehabt…

Ja, ich habe meine Mutter mitgenommen, und sie sagte: "Wir hatten recht damit, (in Frankreich) zu bleiben". Sie haben Frankreich sehr geliebt. Und Frankreich hat sie am Ende akzeptiert. Na gut, mein Vater war in der Resistance, und hat am Krieg teilgenommen. Er hat nicht viele Leute getötet, denn er hat in der Küche gearbeitet, und das ist auch besser so. Und als er zurückkam, hat man sie automatisch zu Franzosen gemacht, das war gut. Sie sind als Franzosen gestorben, meine Eltern, und ich glaube, sie hätten es nicht anders gewollt. Ich habe Leute um mich, Algerier und Marokkaner, sie sind Franzosen. Sie wollen Franzosen sein, und sie haben überhaupt kein Interesse in Algerien zu wohnen. Sie haben sich nicht einmal ein kleines Haus in Algerien gekauft, um dorthin zurück zu kehren. Man geht nicht zurück, wenn man 40 Jahre in einem Land gelebt hat. Zuhause ist hier und nicht woanders.

Sind Sie ein typischer Franzose?

Ich habe alles, was am typischsten ist, (lacht), ich bin sogar ein chronischer Franzose.

Das heißt, sie mögen guten Wein….?

Ja, aber ich habe natürlich sowohl die schlechten, als auch die guten Angewohnheiten, ich habe beides.

Wie schafft man es, so lange so erfolgreich zu sein? Was braucht man, neben Talent und die Liebe zum Metier, Ausdauer…?

Man braucht Entschlossenheit und Mut. Man muss in manchen Situationen dickköpfig sein, und seine eigenen Ideen durchsetzten. Man muss sich vor Leuten in Acht nehmen, die einem zu sehr schmeicheln, und auch vor denen, die einen zu sehr entmutigen. Man muss eine Vision haben, und beide Beine auf dem Boden. Und man muss wissen, mit wem man es zu tun hat. Denn das Schwierigste in unserem Beruf ist, zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Die Entourage ist das Schlimmste überhaupt.  Aber am Ende ist das vermutlich etwas, was der Erfolg mit sich bringt. Also sollte man sich nicht beschweren.

Der kleine Charles, oder der junge Mann, hat der sich so einen Erfolg erträumt?

Nein. Das war nicht mein Traum. Mein Traum wurde übertroffen. Mein Traum war es, Schauspieler zu sein, der sein ganzes Leben lang spielt, zum Beispiel in der Comédie Francaise. Einer, der die Klassiker spielt, als Jugendlicher anfängt, und so weiter. Das war meine Vorstellung und die meiner Eltern.

Warum der Sänger. Warum haben Sie sich entschieden, eine Karriere als Sänger einzuschlagen, denn Sie waren auch als Schauspieler erfolgreich…

Das habe nicht ich entschieden, das hat das Leben entschieden. Ich habe bei Gesangswettbewerben mitgemacht, und immer den ersten Preis gewonnen, 50 Francs. Das ist nicht viel, aber es sind 50 Francs, die die Familie mehr hatte. Meine Schwester hat bei einer Gesangstruppe aus Marseille mitgemacht, und hat mich geholt. Und so wurde das Chanson nach und nach der Beruf in meiner Familie.

Es war Edith Piaf, die Sie anfangs gefördert hat?

Sie hat mich vor allem als Autor ermutigt, weniger als Sänger. Obwohl sie mir gesagt hat, ich würde besser singen als dieser und jener. Ich sage Ihnen jetzt aber nicht, wer dieser und jener sind, das ist nicht gut. Ich glaube, sie mochte es, wie ich gesungen habe. Aber ich war weit entfernt von ihrem Universum. Ich war nah an ihrem Universum, aber sie war weit entfernt von meinem Universum. Das ist der Gegensatz, sie war nah an meinem, und ich war weit von ihrem Universum entfernt. Aber letztendlich, als sie mich zum ersten Mal singen hörte, da kam sie gerade aus den USA zurück, das war gerade mein erstes erfolgreiches Jahr, da war sie sehr bewegt. Ich glaube, das hatte sie nicht erwartet. Danach war sie dem näher, was ich machen wollte, sie hat danach verstanden, was ich machen wollte. Ansonsten waren wir sehr befreundet. Wir hatten das, was man eine ‚amitié amoureuse‘ nennt, eine ‚verliebte Freundschaft‘. Eine ‚verliebte Freundschaft‘ ist großartig, denn es ist weniger eine Liebe und mehr eine Freundschaft. Ja, mit mir war sie immer sehr freundlich, aber sie hatte auch keine Angst, mir die Meinung zu sagen. Und ich übrigens auch nicht. Ich aber weniger als sie, denn sie hatte das Vorrecht, sie war die Hohepriesterin unserer Gruppe.

Sie haben großen Erfolg, glauben Sie, dass Sie jetzt Edith Piaf ebenbürtig sind?

Was die Popularität angeht, ja. Aber – die Popularität von Piaf ist speziell. Das heißt, man wird mehr vom Publikum geliebt, als nur dafür ein Künstler zu sein. Das geht weiter. Ich glaube, man ist eine Persönlichkeit, die Teil ihres Lebens ist. Es gibt viele Künstler, die nicht Teil des Lebens ihres Publikums sind. Sie werden vom Publikum geliebt, und imitiert, und man folgt ihnen, aber sie schaffen dieses Spezielle nicht, das diese besondere Wärme erzeugt.

Was glauben Sie, geben Sie dem Publikum?

 Zuerst einmal erzähle ich ihm sein Leben, meine Chansons erzählen das Leben meines Publikums, nicht mein Leben.

Und Sie singen nicht nur, man hat das Gefühl, dass sie auch gleichzeitig ein Schauspieler sind…

Ja, ich bin ein Schauspieler, der singt, und nicht ein Sänger, der schauspielt. Aber davon gibt es weniger und weniger. Shirley McLaine hat mal zu mir gesagt, wir sind noch vier, Minelli, Shirley, Sammy Davis und ich. Das andere sind Leute, die wunderbar singen, mit viel Talent. Aber die, die auch eine Inszenierung machen, die gibt es nicht, die gibt es nicht mehr.

Gefällt Ihnen, daß man hat Ihnen so viele Preise verliehen hat, wie „Entertainer des Jahrhunderts“?

Ja, ich nehme das alles mit sehr viel Vergnügen. Ich bilde mir nichts auf die Preise ein, es amüsiert mich. Ich habe dreimal die Ehrung der Ehrenlegion erhalten, zwei Grade gibt es noch, vielleicht bekomme ich die noch, wir werden sehen (lacht). In Quebec bin ich wie ein Staatsmann ausgezeichnet worden, im Libanon auch, der Preis vom König von Belgien, jede Menge solcher Preise. Das ist sehr amüsant.

Gibt es einen Preis, der Ihnen viel bedeutet, über den Sie sich besonders freuen?

Die Medaille der Académie Francaise. Voilà! Die habe ich. Ich wäre gerne Mitglied der Académie Francaise geworden, auch wenn es keinen Grund für mich gibt, ein Mitglied zu sein. Heute gäbe es einen Grund, dass ich Mitglied bin, aber es ist zu spät, wenn man älter als 75 ist, kann man nicht mehr eintreten in die Académie Francaise. Wenigstens habe ich die Medaille. Wenn sie nicht noch einen speziellen Preis erfinden, aber das würde mich wundern, dafür gibt es keinen Grund.

Man hat Ihnen den "Preis der ewigen Jugend" verliehen….

Nein, ich bin nicht ewig jugendlich, ich war schon sehr früh alt, das führt zu einer Balance. Es ist wahr, ich war sehr früh alt. Der Krieg hat uns früh altern lassen. Das, was ich für meine Familie tun musste, das hat mich altern lassen, die ganzen Verpflichtungen, ich musste ja Geld für Essen nach Hause bringen, das lässt ein Kind altern. Aber ich war trotzdem immer ein beschwingter Greis. Ich scherze gerne, in Gesprächen mag ich es, die Stimmung zu ändern, damit es weniger ernsthaft ist. Ich nehme die Dinge leicht. Viele Sachen nehme ich sehr ernst, und es gibt ernste Sachen, die ich leicht nehme.

Sie haben sehr viele Duette mit berühmten Kollegen gesungen, wie Placido Domingo, Liza Minelli, Frank Sinatra, Sting, sogar mit Herbert Grönemeyer. Gibt es einen, den Sie besonders mochten?

Nein, das werde ich nicht sagen. Das wäre nicht nett. Aber ich habe auch mit Elton John gesungen, mit Dean Martin, mit vielen vielen Leuten. Ich muss so 150 Duette gesungen haben, sowas ist selten, sehr selten. Ich bin aber immer offen. Wenn ein junger Sänger kommt, ein Neuling, und mich fragt, ob ich ein Duett mit ihm singe, dann mache ich das. Ich sage dann nicht, dafür bin ich zu bedeutend, man ist nie zu bedeutend für jemanden, man hat gerade die richtige Größe. Und ich habe ja nicht nur auf Platten Duette aufgenommen, ich habe auch welche gesungen, ohne sie aufzunehmen. Insgesamt müssen es so 150 sein.

Sie sind oft zu Gast im französischen Fernsehen, wo Sie auch viele junge Sänger treffen. Kennen Sie zum Beispiel Zaz?

Noch nicht. Aber ich habe ihr ausrichten lassen, dass ich sie treffen möchte, und ihre ein, zwei Chansons präsentieren möchte, die ich für Frauen geschrieben habe. Aber für mutige Frauen, die sich trauen, Dinge zu sagen. Ich habe angefangen Erfolg zu haben, das wage ich jetzt mal zu sagen, in dem Moment, als ich meine große Klappe aufgerissen habe. Das ist sehr wichtig. Das schockiert erst mal das Publikum, langsam aber sicher gewöhnt es sich aber daran. Es gewöhnt sich dran, ein wenig verletzt zu werden. Ich glaube, man muss den Mut haben, Dinge zu sagen. Ich bin bereit, alles zu sagen. Das amüsiert mich wahnsinnig, die letzten Grisgrame auch noch zu schockieren. Ich liebe es, sie zu schockieren, und am Ende kommen sie doch zu mir. Am Anfang hat man mich gefragt: wie kriegen Sie die Leute. Ich habe gesagt, die Verliebten fallen in meinen Korb. Jetzt sind es nicht mehr die Verliebten, sondern die Schockierten, die verstehen, warum sie schockiert sind, und die verstehen, dass sie keinen Grund dazu haben. Ich musste dafür ins Ausland gehen, ich bin ein Immigrantensohn… Brassens war auch Immigrantensohn, er hat auch die Leute schockiert, wir sind zu dritt, mit Béart.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie ins Ausland gehen mussten, um in Frankreich Erfolg zu haben, damit die Leute sehen, dass Sie in den USA Anerkennung finden?

Ich musste in ein Land gehen, das eine nützliche Sprache hat. Das Französische bietet sich dafür an. In den USA hat keiner den anderen gestört, seltsamerweise. Ich glaube, da haben wir in Frankreich mehr gemacht. Nicht dass sie dort keine guten Sachen geschrieben haben, Dylan hat Wunder geschrieben, aber er hat keinen schockiert. Wir haben schockiert, die drei, die ich gesagt habe, vielleicht sogar vier, mit Ferré. Wir haben wirklich schockiert. Brassens hat unglaublich schockiert.

Welches Ihrer Chansons hat schockiert?

 "Apres l’amour" (Nach der Liebe)  war schockierend, "Tu te laisse aller" (Du lässt dich gehen) hat schockiert.

In dem Chanson „Du läßt dich gehen“ geht es um eine Frau, die sich gehen läßt  – ist das Lied nur an die Frauen gerichtet, oder auch an die Männer?

Solche habe ich auch geschrieben. Ich habe gewaltige Texte gegen Männer geschrieben, einer hieß „Ce n’est pas une vie“, aber davor hatte ich noch ein Chanson geschrieben, in dem ich an den Mann gerichtet die schrecklichsten Sachen sage. Dann habe ich geschrieben „Mon ami mon judas“, und dann trinke ich und spreche über die Prostata. Ich gehe sehr weit in der Art, in der ich die Dinge ausdrücke. Aber inzwischen ist das akzeptiert. Ich gehöre zu den Leuten, die das Recht dazu haben. Ich leiste mir das Recht.

Vielleicht ist das so ähnlich, wie mit den alten Bluesmusiker….

Ja, aber sie gehen nicht weit, sie erzählen von einem unglücklichen Leben, aber sie gehen nicht weit… Ich gehe in meinen Geschichten weit und schockiere die Menschen. Indem man schockiert, bringt man den Anderen etwas bei.

Ich glaube, Sie finden auch deshalb Anerkennung bei den jungen Leuten?

Ah voilà! Die jungen Leute haben durch den Rap, und dann später den Slam entdeckt, dass man Sachen sagen kann. Und ich glaube, dafür lieben sie mich. Es ist wahr, dass ich Dinge gesagt habe, über die sie sich gefreut haben.

Sie hatten selber als Schauspieler viel Erfolg. Wenn jemand einen Film über Ihr Leben drehen würde – welche Szene dürften nicht fehlen?

Die Kindheit. In der Kindheit habe ich alles entdeckt. Während der Besetzung Frankreichs habe ich viel gelernt. In dem Film "Taxi nach Tobruk" sage ich: "Wer die guten und wer die bösen Deutschen sind, das werden wir nach dem Krieg wissen." Diesen Satz habe ich eingefügt, der stand nicht im Drehbuch. Ich wollte, dass dieser Jude in dem Film das sagt, was gesagt werden musste. Und das hat mir später viel genützt. So belebt man die Verbindung zwischen Völkern und Nationen wieder, die sich nicht mehr verstehen. Ich bin für den totalen Frieden. Ich bin dafür, dass sich die Religionen verstehen. Meine Frau ist Protestantin,  meine Schwiegertochter ist katholisch, meine Enkelin ist Muslimin, ein Enkel ist jüdisch, so ist das Leben. Meine Familie ist eine Gruppe, in der es alle Sorten und Farben gibt. Außer gelb, seltsamerweise gibt es keine Gelben. Aber das macht nichts, das kann ja noch kommen.

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Sendung: hr1, hr1 am Mittag, 1. Oktober 2018, 12 Uhr

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