Angst vor Chef

Offen seine Meinung zu sagen und Probleme anzusprechen, das trauen sich nur wenige Arbeitnehmer. Das zeigt die jüngste Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Die Umfrage zum Betriebsklima zeigt auch Positives – hier die Ergebnisse.

Lob ist neurologisch messbar: Wird man gelobt, werden Glücksbotenstoffe freigesetzt. Das fördert den Spaß an der Arbeit und den Mut, eigene Ideen zu entwickeln. Doch in deutschen Betrieben sind nur selten Glücksbotenstoffe am Wirken, wie die Auswertung des "DGB-Index Gute Arbeit" von 2018 zum Betriebsklima zeigt.

Auf die Frage "Inwieweit bringt Ihr Vorgesetzter Ihnen persönlich Wertschätzung entgegen?" antwortete mehr als ein Drittel der Befragten (32 Prozent), dass sie von ihren Vorgesetzten nur geringe (26 Prozent) oder gar keine Wertschätzung (6 Prozent) für die eigene Arbeit bekommen.

Je anspruchsvoller die Arbeit, desto eher gibt's Lob

In der DGB-Umfrage zeigte sich, dass die Wertschätzung mit dem Qualifikationsniveau verbunden ist: Je anspruchsvoller der Job, desto häufiger berichteten die Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen von Wertschätzung durch den Chef: Bei Beschäftigten mit hochkomplexen Tätigkeiten lag der Anteil bei 77 Prozent, während er bei Angelernten und Hilfsarbeitern ausführen, nur 56 Prozent ausmachte.

Aber Vorsicht - erfahrene Arbeitnehmer wissen: Lob von oben sollte man erstmal kritisch hinterfragen, bevor man sich freut. Denn hinter einem Cheflob kann sich auch mehr oder wenig gut verpackte Kritik verbergen.

Weitere Informationen

Sechs Lob-Phrasen vom Chef im Klartext*

  • Chef lobt: "Ihre Fähigkeiten im operativen Geschäft sind so ausgezeichnet, dass wir eine Beförderung nicht riskieren wollen."

Klartext: "Wir brauchen Sie als Arbeitstier und nicht als Chef. Am Ende können Sie den Job noch besser als ich."

  • Chef lobt: "Sie sind krank? Macht nichts, lassen Sie sich verwöhnen und bleiben so lange zu Hause, bis Sie wieder gesund sind. Wir schaffen das hier."

Klartext: "Ihre Halsschmerzen glaubt Ihnen eh keiner. Aber egal: Solange Sie nicht da sind, können wir ungestört die wichtigen Projekte vorantreiben."

  • Chef lobt: "Toll gemacht. Bei der nächsten Beförderung sind Sie dran."

Klartext: "Immerhin diesmal haben Sie nichts falsch gemacht. Bei der nächsten Beförderungsrunde müssen wir uns eine neue Ausrede einfallen lassen."

  • Chef lobt: "Sie sind ein echter Teamplayer."

Klartext: "Finger weg von der Kollegin aus dem Controlling, Sie Büro-Casanova."

  • Chef lobt: "Ich mag Ihre Spontanität."

Klartext: "Wenn Sie mich noch einmal vor dem Kunden bloßstellen, fliegen Sie raus."

  • Chef lobt: "Danke für Ihre Präsentation. Da war schon viel Schönes dabei."

Klartext: "Das war Schrott. Einfach nur Schrott."

*zusammengestellt von "Faktor A", dem Arbeitgebermagazin der Bundesagentur für Arbeit

Ende der weiteren Informationen

Solidarität unter den Beschäftigten groß

Ein deutlich positiveres Bild des Arbeitsklimas ergab die DGB-Umfrage in Bezug auf die Belegschaft. Auf die Frage "Erhalten Sie Hilfe und Unterstützung von Ihren KollegInnen, wenn Sie dies benötigen?" antworteten 85 Prozent der Teilnehmer, dass sie sich auf große Unterstützung ihrer Kolleginnen und Kollegen verlassen können. Nur drei Prozent vertrauen nicht auf ihre Kollegen.  

Häufig Angst vor Meinungsäußerung

Knapp die Hälfte (44 Prozent) der Beschäftigten gab an, dass sie in ihrem Betrieb nur in geringem Maße oder gar nicht die Möglichkeit hätten, Probleme beim Vorgesetzten direkt anzusprechen. Dabei erleben ältere Beschäftigte häufiger ein angstbesetztes Betriebsklima: Während der Anteil bei den unter 25-Jährigen 30 Prozent betrug, stieg er bei 55-Jährigen und älteren Teilnehmern auf 52 Prozent an.  Eine wesentliche Rolle spielte auch die Betriebsgröße: Kleinbetriebe mit weniger als 20 Beschäftigten wurden positiver bewertet als mittlere und größere Unternehmen. Doch traut sich auch in Kleinbetrieben jeder Dritte (34 Prozent) nicht, dem Chef offen die Meinung zu sagen.

Weitere Informationen

Eckdaten zur DGB-Umfrage

Die jährliche, zufallsbasierte Telefonumfrage des DGB umfasste 8.011 Festangestellte aus allen Branchen, Einkommens- und Altersgruppen, Regionen, Betriebsgrößen und Beschäftigungsverhältnissen.

Ende der weiteren Informationen

Wer sich nicht traut, dem Chef die Meinung zu sagen, spielt eher mit dem Gedanken, den Arbeitgeber zu wechseln. Im Durchschnitt dachte jeder Zehnte der Studienteilnehmer darüber nach, das Unternehmen zu verlassen.

Übrigens: Wenn der Chef seine Mitarbeiter anbrüllt und zum Choleriker avanciert, muss das nicht hingenommen werden. Eine Ratgeber-Reihe des DGB klärt über die Arbeitnehmerrechte auf. So wird in der Folge "Darf mein Chef mich anbrüllen?" betont, dass der Arbeitgeber gegenüber dem Personal eine besondere Fürsorgepflicht hat: Er muss die "Beschäftigten nicht nur entsprechend Recht und Gesetz behandeln, sondern auch auf ihre berechtigten Interessen Rücksicht nehmen und sie vor Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz schützen", heißt es in dem Schreiben. Wenn Vorgesetzte sich schikanös verhielten, sei der Arbeitgeber dafür grundsätzlich verantwortlich - und sollte dafür sorgen, dass sich die brüllenden Bosse nicht wiederholt im Ton vergreifen.

Schikanen müssen nachgewiesen werden

Je nach Grad der Anfeindungen oder Beleidigungen können sich die Betroffenen auch anders zu Wehr setzen und Strafanzeige erstatten. Grundsätzlich kann auch auf Schadenerstatz geklagt und/ oder Schmerzensgeld geltend gemacht werden. "Das setzt jedoch voraus, dass der (finanzielle) Schaden oder die Schmerzen bewiesen werden können. Deshalb sollten sich Betroffene im Vorfeld von einem Rechtsanwalt oder – für Gewerkschaftsmitglieder –  von einem Rechtssekretär der zuständigen Gewerkschaft beraten lassen", heißt es weiter. Denn: Die Behauptung des Vorgesetzten, er hätte lediglich in einem etwas rauen Ton Arbeitsanweisungen erteilt, muss der oder die Beschäftigte mit Fakten widerlegen.

Kündigung wegen unbegründeter Strafanzeige

Vorsicht: Wer seinen Vorgesetzten zu Unrecht einer entsprechenden Schikane beschuldigt, kann fristlos gekündigt werden. Das hat das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz entschieden: Ein Arbeitnehmer hatte nach einem Streit mit seinem Arbeitgeber Strafanzeige wegen Nötigung, Körperverletzung und Beleidigung gestellt, konnte das aber nicht belegen. Außerdem drohen Strafanzeigen, etwa wegen Verleumdung.

Wer zurückschreit, riskiert seinen Job

Ob in einer Bank oder auf dem Bau: Niemand muss sich von seinem Vorgesetzten oder seinem Arbeitgeber zur Schnecke machen oder als "Idiot" beschimpfen lassen.  Auch in Branchen, in denen üblicherweise ein rauerer Ton herrscht, müssen die üblichen Umgangsformen gewahrt bleiben. Das gilt auch für Arbeitnehmer: Wer zurückschreit und den Chef beleidigt, riskiert seinen Job. Stattdessen empfehlen die DGB-Experten: "Sachlich bleiben, die Gesprächssituation protokollieren, Zeugen benennen." Dies sei sicherer und erfolgsversprechender als zurückzuschreien. Und: Vorgesetzte, die sich regelmäßig nicht an die üblichen Umgangsformen halten, können und sollten vom Arbeitgeber gekündigt werden.

Sendung: hr1, hr1 am Vormittag, 4.2.2019, 9 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit