Google-Browser

Es gibt Fragen, die sind so intim, dass wir sie nicht unseren engsten Vertrauten stellen, sondern lieber "Dr. Google". Das behauptet Oliver Stöwing. Der Journalist hat die Algorithmen der Suchmaschine ausgewertet. Sie werden sich wundern!

Oliver Stöwing

"Was wir in das Suchfeld bei Google eingeben, ist die Essenz unseres derzeitigen Seelenlebens, unserer Sehnsüchte und Ängste, unserer Begierden und Zweifel. Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem wir ganz wir selbst sind, dann ist es Google", behauptet der Journalist, Linguist und Buchautor Oliver Stöwing. Unser Vertrauen in die populärste Suchmaschine im Internet sei schierweg grenzenlos.

Google als Gedankenleser

Bei Google suchen wir nicht nur nüchtern nach Personen, Fakten und Zahlen, sondern wir fragen auch emotional nach ganz persönlichen, intimen Dingen, die uns bewegen. "Schon wenn man seine Frage zu formulieren beginnt und Google sie wie ein Gedankenleser vervollständigt, fühlen wir uns angenommen. Uns wird klar: Andere haben die gleiche Frage schon vor uns gestellt", beschreibt Stöwing seinen Selbstversuch. Dies und auch die Autocomplete-Funktion, die automatische Ergänzung eines Suchbegriffs, schafft Vertauen.

Missverstanden als ditigaler "Dr. Sommer"

So komme man leicht in die Versuchung, tatsächlich nach Antworten zu den großen Fragen des Lebens zu "googeln" - also Fragen zu Liebe und Leid, Scham und Schuld, Tod und Traurigkeit. So, als wäre die Suchmaschine ein Mensch, oder wie "Dr. Sommer" - der Kummerkasten des Jugendmagazins "Bravo", dem wir als Teenager intimste Fragen geschrieben haben und dann die Antworten in einer der nächsten Bravo-Ausgaben lesen konnten. Doch hinter "Dr. Google" steht kein empathischer Mensch, der auf alle Lebensfragen eine passende Antwort hat. Hinter "Dr. Google" verbergen sich lediglich Suchalgorithmen, die aus komplexen Formeln bestehen, die wiederum Hunderte von Variablen umfassen.

Hier sind die fünf häufigsten Fragen an "Dr. Google" aus den Kategorien Glück, Persönlichkeit, Zwischenmenschliches, Partnerschaft und Sex.

Glück

  • Warum sind andere glücklicher als ich?
  • Warum sind andere erfolgreicher als ich?
  • Was kann ich gegen meinen Neid tun?
  • Warum ärgert man sich?
  • Wie kann ich meine Ängste überwinden?

Persönlickeit

  • Wer bin ich?
  • Bin ich schön?
  • Warum bin ich so faul?
  • Wie viele Selbstgespräche sind normal?
  • Warum bin ich so gerne allein?

Zwischenmenschliches

  • Warum bin ich einsam?
  • Wie finde ich Freunde?
  • Wie beende ich eine Freundschaft?
  • Warum sind mir andere wichtiger als ich?
  • Wie lüge ich richtig?

Partnerschaft

  • Was ist ein gutes Profilbild bei Tinter?
  • Was soll ich beim ersten Date sagen?
  • Warum meldet er sich nicht mehr?
  • Ist meine Beziehung toxisch?
  • Was ist ein Narzisst?
  • Warum gehen Frauen fremd?

Sex

  • Warum ist ein Leben ohne Sex ungesund?
  • Was bedeutet mein Sextraum?
  • Wie viel Sexpartner sind normal?
  • Wie bekämpfe ich meine Sexsucht?
  • Wie viel Selbstbefriedigung ist normal?

Antworten auf Lebensfragen in Sekundenschnelle

"Bei der Menge an Informationen im Web wäre es ohne Vorsortierung nahezu unmöglich, das Gesuchte zu finden. Deshalb gibt es die Rankingsysteme von Google: Sie durchsuchen Milliarden von Webseiten im Suchindex und präsentieren dir die relevantesten und nützlichsten Ergebnisse in Sekundenschnelle", ist auf den Seiten von Google im Kapitel "So funktioniert die Google-Suche" zu lesen.

Mal ehrlich: Antworten auf Fragen, mit denen sich Philosophen, Psychologen, Mediziner und andere Wissenschaftler über Jahre hinweg, wenn nicht gar ein Leben lang auseinandersetzen, in Sekundenschnelle aus dem Netz gefischt? Das kann nicht funktionieren.

Antwortgeber sind oft Amateure

Zudem sind die Antworten von "Dr. Google" auf die komplexen Fragen des Lebens schlechtweg auch widersprüchlich und irreführend. Denn "Antwortgeber sind oft Amateure, Scharlatane, windige Geschäftemacherinnen, Verschwörungsspinner, obskure Bloggerinnen und anonyme Alleswisser in Frage-Antwort-Foren", stellte der Kommunikationspsychologe Oliver Stöwing fest.

Google lehrt uns: Scham ist überflüssig

Sein Ziel war es, "Wahrheiten zu finden und Lebenshilfe anzubieten zu allen Themen, die uns laut Analyse unserer Google-Suchanfragen wirklich bewegen". Sein Buch bewertet nicht, es soll eine Reise durch unsere Seelen sein. "Denn Google hat ja recht: Scham ist überflüssig. Und mit keinem Problem sind wir wirklich allein", weiß der Autor und gibt in seinem Buch kluge, sensible und sehr persönliche Antworten - als wahrhafter "Dr. Google".

Weitere Informationen

Informationen zum Buch

Oliver Stöwing Liebes Google

"Liebes Google, wie viele Selbstgespräche sind normal?"
von Oliver Stöwing
Taschenbuch, 224 Seiten
mvg Verlag
Preis: 14,99 Euro

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Sendung: hr1, hr1 am Nachmittag, 30.11.2020, 15-19 h

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