Die Polizei hatte ihn in die Knie gezwungen, ein Polizist ihm das Knie dann minutenlang in den Nacken gedrückt. Nun gehen weltweit Hunderttausende aus Protest gegen Polizeigewalt bei ihren Demonstrationen auf die Knie: schweigend, 8 Minuten 46 Sekunden lang, so lange wie George Floyd litt, bis er bewusstlos wurde und schließlich starb.

Der Kniefall als Protestsymbol wurde 2016 von Football-Profi Colin Kaepernick aus der National Football League der USA "erfunden". Er weigerte sich, während der Fahnenzeremonie vor dem Spiel zur Nationalhymne zu stehen, die Hand am Herzen. Aus Protest gegen den Rassismus seines Landes kniete er und schuf damit ein neues Protestsymbol. Es zeigt Solidarität mit Opfern von Rassismus und drückt Protest gegen Polizeigewalt aus.

Der Kniefall als Protestgeste

Diese Geste hat sich nach dem Tod von George Floyd rasend schnell verbreitet. Dass sie auch von immer mehr Sportlern verwendet wird, wenn sie im Stadion vor den Zuschauertribünen stehen, ist aus der Sicht vieler Funktionäre ein Politikum. Sie mögen nicht, wenn der Sport politisiert wird. Sportler bekommen unter Umständen Druck, wenn sie sich so zeigen.

Der Kniefall als Protestgeste ist sehr eindrücklich, geht unter die Haut. Im Kniefall "verleiblicht" jemand eine Bitte, ein Anliegen, indem er oder sie mit ganzer Person erkennbar werden soll. Diese Geste hat etwas Flehentliches, sie geht aber nicht auf Konfrontation, sondern appelliert an Menschlichkeit. Man kann also sehr eindringlich für etwas "stehen", wenn man sich hinkniet. Wir fragen den Körpersprache-Experten Stefan Verra, warum der Kniefall uns so berührt und warum er eine so starke "Sprache" spricht.

Der klassische Kniefall

Wenn Menschen auf die Knie gezwungen werden, ist das unmenschlich. Wenn sie freiwillig auf die Knie gehen, gewinnen sie an Größe. Wer sich klein macht und hinkniet, wird wehrlos, der gibt Größe auf, begibt sich auf Augenhöhe mit denen, die gegen ihren Willen auf die Knie gezwungen werden. Die Geste sucht einen "dritten Weg" jenseits aussichtsloser Frontstellungen. Die Kniefälle in den USA und weltweit sind eine neue Art, Haltung zu zeigen. Dass auch Polizisten sich hinknien ist besonders berührend.

Auch in anderen Situationen kennen wir den Kniefall als eine uralte Weise, einem existentiellen Anliegen Ausdruck zu verleihen. Beim "klassischen" Heiratsantrag zum Beispiel ging der Mann vor der Frau auf die Knie. Da Hochzeitsrituale wieder traditioneller werden, fragen wir nach, ob es den Kniefall mit Heiratsantrag auch heute noch gibt. Wer zum Ritter geschlagen wird, geht vor der königlichen Obrigkeit auf die Knie, die diese Ehre verleiht. Willy Brandt ehrte so vor 50 Jahren in Warschau die Toten des Warschauer Ghettos mit seinem historischen Kniefall, indem er so - ohne Worte - zugleich um Vergebung für die Gräuel der Nazis bat.

Kniefall in der Religion

In den Religionen wird der Kniefall seit Jahrhunderten geübt. Es gibt ihn bis heute in verschiedenen Intensitätsstufen. In jeder katholischen Messe gehen die Gläubigen während der Wandlung, dem Kern der Eucharistiefeier, auf die Knie. Es gibt die einfache Kniebeuge, bei der ein Knie zum Boden gebracht wird, oder die "doppelte" Kniebeuge. Hierbei begibt man sich vor der Monstranz mit dem zur Schau gestellten heiligen Brot mit beiden Knien auf die Erde. Wer zum Priester oder Bischof geweiht wird, oder in einen Orden eintritt, der legt sich minutenlang ganz flach auf den Boden.

Die evangelischen Kirchen haben bezeichnender Weise keine Kniebänke für die Gläubigen. Dahinter steht die von Luther geäußerte theologische Überzeugung, dass der Christ ein freier Mensch ist und "niemandem untertan", sich deshalb nicht in den Staub begeben muss. Luther kannte die Neigung der Kirche, Menschen in ihrem System zu erniedrigen und das dann mit Gott zu rechtfertigen. Er wollte den freien und aufrechten Christen.

Im Islam gehört das Sitzen auf den Knien und die damit verbundenen Verneigungen zu jedem Gebet. Buddhisten meditieren ebenfalls auf den Knien. Und ganz fromme Menschen umrunden den heiligen Berg Kailash in Tibet in der Form einer endlosen Kette von Niederwerfungen. Dass unser Knie ein sehr sensibles Körperteil ist, das Pflege und Stärkung braucht, wollen wir von einem Sportprofessor genauer wissen. Und sogar psychosomatisch ist das Knie bedeutsam: vor Prüfungen und großen Herausforderungen bekommen wir "weiche Knie". Was steckt dahinter?

Beiträge in der Sendung
SendezeitBeitrag
Sonntagsgedanken Pastoralreferentin Anke Jarzina, Eltville
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