"Auf Sicht fahren" – die Formulierung hat das Zeug zum Wort des Jahres. Nicht durchplanen, sondern schauen, was kommt, wie die Lage ist. Corona hat uns das "Auf Sicht fahren" verordnet. Politisch und auch privat. Taugt es als Lebenskonzept?

Der Begriff kommt aus dem Schienenverkehr. Bei Personen im Gleis oder nach einem Sturm müssen Lokführer "auf Sicht fahren", je nach Situation sind das 40 oder weniger Kilometer pro Stunde. Man muss den Zug jederzeit sicher zum Halt bringen können, wenn ein Hindernis auftaucht.

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+++ Wichtige Info zur Sendung +++

10 Jahre "Mit Popsongs auf Sinnsuche" – Erstmals mit Hörer*innen im Gespräch
Seit 2010 gehen die "hr1 Sonntagsgedanken" jeden Sommer "mit Popsongs auf Sinnsuche". Die Songinterpretationen aus christlicher Sicht trafen von Anfang an bei der hr1-Hörerschaft auf große Resonanz. Dieses Jahr findet die Sommerreihe noch bis zum 16. August statt. Erstmals stehen die Autorinnen und Autoren unter der Telefonnummer (069) 155 32 32 nach der Sendung für persönliche Gespräche über Musik- und Glaubensfragen zur Verfügung. Heute steht Kaplan André Lemmer in der Zeit von 8:00 bis 9:00 Uhr zum Gespräch bereit. In seinen Sonntagsgedanken geht es um die Imagine Dragons und deren Hit "On Top of the World".

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Corona und die Regeln "auf Sicht"

Genauso war es in den letzten Wochen: Nicht planen, nicht "Augen zu und durch", sondern achtsames Aufpassen. Wie entwickeln sich die Infektionszahlen? Dürfen wir lockern? Und privat: Wie steht es mit den Regeln? Dürfen wir schon wieder Opas Geburtstag feiern? Und wann setzen wir die Hochzeit nun neu an?

"Auf Sicht fahren" ist stressig. Es verlangt mehr Aufmerksamkeit, man geht mit Unsicherheiten um, man muss flexibel bleiben. Das stresst. Andererseits hat das "Auf Sicht fahren" auch seine guten Seiten: Alles geht gemächlicher, geruhsamer, langsamer. Man steht mehr im Austausch, muss Kontakt halten mit den Anderen: Was seht ihr? Achtsamkeit, Offenheit, Flexibilität sind die schönen Qualitäten eines Lebens "auf Sicht".

Urlaub "auf Sicht" oder durchgeplant?

Ob man damit klarkommt, ist auch eine Typenfrage. Man sieht es beim Urlaub: Der eine liebt es, alles durchzuplanen, der andere fährt gerne "ins Blaue", einfach "auf Sicht" und schaut, was das Leben so anbietet.

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Info zum kostenlosen Urlaubstest

hr1-Moderator Klaus Hofmeister spricht in der Sendung mit Prof. Michael Stark, Psychotherapeut und Professor für Sozialpsychiatrie in Hamburg. Prof. Stark ist Experte für Erholungs- und Urlaubstypen und betreibt die Seite urlaubslust.info. Dort finden Sie auch einen kostenfreien Test bezüglich "Urlaubstypen": Durchgeplant oder ins Blaue? - einfach Draufklicken und Mitmachen!

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Die größeren Überraschungen hält das Leben für jene bereit, die "auf Sicht" unterwegs sind. "Trotzdem erholt sich der am besten", sagt die Urlaubspsychologin, "der sich auch Ziele setzt für den Urlaub". Etwas Neues zu erleben, etwas Besonderes zu schaffen. Das schenkt Befriedigung außerhalb des Bekannten.

Im Berufsleben "auf Sicht fahren"

Taugt das "Auf Sicht fahren" auch bei der Planung des eigenen Lebens, bei der Karriereplanung? Braucht man da nicht größere Pläne und Träume? Ist da die Kunst des Machbaren, nur sozusagen von einer Straßenecke bis zur anderen geplant, nicht zu klein gedacht? Es geschieht doch nichts wirklich Bedeutendes ohne große Pläne und Träume! Ja, sagt die Karriereberaterin im Gespräch, das stimmt. Aber mehr denn je müssen Berufstätige heute flexibel sein, schauen "was geht" und damit ebenfalls "auf Sicht fahren".

Denn unser Leben wandelt sich schneller als wir es wahrhaben wollen. Die Arbeitswelt ist durch Digitalisierung kaum wieder zu erkennen. Und wer da mit zu festen Vorstellungen sein Leben träumt, der könnte am Ende falsch liegen. Traditionelle Berufe, besonders jene, die stark mit der Natur leben, gibt es aber in Hessen auch noch: Winzer und Bauern müssen zwingend "auf Sicht fahren", die Augen am Himmel und den Kopf im Wetterbericht haben. Denn nass eingebrachtes Getreide verrottet und Eiswein wird es ohne das Abwarten des Frosts nie geben. Wir hören auch von solchen Berufserfahrungen in der Sendung.

Vom "seelenlosen Machtpragmatismus"

Angela Merkel und Armin Laschet waren die Politiker, die das Wort von dem "Auf Sicht fahren" immer wieder aussprachen. Und besonders für Angela Merkel scheint dies eine zutreffende Beschreibung ihres Politikstils zu sein: schauen "was geht" und es dann umsetzen. Dafür hat man sie als "seelenlos" und "pragmatisch" gescholten. Trifft der Vorwurf? Oder ist das "Auf Sicht fahren" nur eine besonders schlaue Form des Machtpragmatismus, ohne den in der Politik niemand erfolgreich ist?

Blindflieger kann man in der Politik also nicht gebrauchen. Dafür im Cockpit eines Flugzeugs um so mehr. Hier ist "auf Sicht fliegen" bei Wolken keine Option. Deshalb müssen alle Verkehrspiloten eine "Blindflugausbildung" machen, aber auch Freizeitpiloten tun das, zum Beispiel in der Wetterau. Wir fragen, warum man ohne eine solche Ausbildung in einer Wolke binnen Sekunden abstürzt und was Privatleute motiviert, 20.000 Euro hinzublättern, nur um am Ende "Blindflieger" zu sein.

Beiträge in der Sendung
SendezeitBeitrag
Sonntagsgedanken Mit Popsongs auf Sinnsuche (3): Kaplan André Lemmer, Gelnhausen
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