Kann man den Mächtigen trauen? All den Politikern, den Virologen, den Chefs der Internetkonzerne, den Medien? Wenn die Saat des Misstrauens gesät ist, dann sprießen kurze Zeit später daraus Verschwörungstheorien. Dabei ist Misstrauen an sich gut, wenn es ein "gesundes Misstrauen" ist.

Wenn man allerdings mit dem Gefühl lebt, nichts und niemandem mehr trauen zu können, außer vielleicht ein paar verschworenen Gleichgesinnten, dann wird die Welt feindlich und düster und das Leben zur Qual. Blindes Vertrauen kann beispielsweise zu jeder Menge Probleme und auch Gefahren führen, wie diese kuriosen Irrfahrten zeigen, bei dem sich Autofahrer voll und ganz auf ihre Navigationssysteme verlassen.

Vertrauen schließt Lebensräume auf

Schon bei Kindern kann man sehen: Wenn man Ihnen Zutrauen gibt, ihnen Vertrauen schenkt, dann leben sie auf! Wo man ihnen nichts zutraut, ihnen ständig misstraut in dem, was sie an Lebensimpulsen zeigen, dann legt man ihre Lebensadern trocken und sie kommen als Persönlichkeiten nicht zur Blüte.

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Vertrauen ist ein Lebensmittel, das Lebensräume aufschließt und nicht verbaut. Die Schulseelsorgerin, die wir dazu portraitieren, weiß das aus täglicher Erfahrung. Sie hat in diesem Job eine "Vertrauensstellung", zu ihr kann man kommen mit Beobachtungen, Fragen, Einschätzungen, die nur in einem Raum des Vertrauens ausgetauscht werden können.

Vertrauen als wesentlicher "Heilfaktor"

Ohne Vertrauen müssten manche heikleren Dinge der Seele unterdrückt und verborgen werden. Bei einer Vertrauensperson sind sie gut aufgehoben und können fruchtbar wirken, manchmal – bei sensiblen Themen wie Umgang mit Drogen usw. – sogar für die ganze Schule.

Studien haben ergeben, dass bei der Arzt-Patient-Beziehung das Vertrauen ein wesentlicher "Heilfaktor" ist. Dreißig Prozent des Therapie-Erfolgs, auch bei Psychotherapien, sind unabhängig von der jeweils gewählten Methode und gründen allein auf einem guten Verhältnis von Patient und Therapeut.

Grundmisstrauen durch Digitalisierung?

Vermutlich aber hat sich bei uns allen unmerklich ein Grundmisstrauen eingeschlichen, das mit der zunehmenden Digitalisierung zusammenhängt. Wann immer wir auch nur etwas bestellen, an der Kasse mit Karte zahlen oder mit einem Handy durch die Stadt flanieren: Wir müssen davon ausgehen, dass alle unsere Bewegungen und Tätigkeiten von den datensammelnden Internetgiganten haarklein protokolliert werden.

Das Gefühl, der digitalen Welt ausgeliefert zu sein, als machtloser kleiner Konsument und kaum etwas kontrollieren zu können, was mit meinen Daten geschieht. Dies kann unterschwellig ein Unbehagen auslösen, das unser Vertrauen in gesellschaftliche Großsysteme insgesamt untergräbt.

Wer für die Sündenbock-Rolle oft herhalten muss

Aber der Schritt zu Verschwörungstheorien ist dann noch einmal etwas anderes. Der Blick in die Geschichte zeigt allerdings, dass es die schon immer gab. Zu zünftigen Verschwörungstheorien gehören immer auch glasklar auszumachende Bösewichte oder Sündenböcke, die angeblich alles steuern. Diese Sündenbock-Rolle läuft seit Jahrtausenden immer wieder auf die Juden hinaus. Wir sprechen darüber mit Dr. Michael Blume, ein Antisemitismusbeauftragter aus Baden-Württemberg, der auch Religionswissenschaftler ist. In seinem Podcast "Verschwörungsfragen" geht es um genau dieses Thema.

Viel tun kann man nicht gegen einen so tief reichenden Vertrauensverlust in Leben und Gesellschaft, wie er sich in Verschwörungstheorien zeigt. Rationale Argumente zählen meistens nicht mehr, wenn das Grundvertrauen in die "Rationalität" der Welt abhanden gekommen ist.

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Sonntagsgedanken Pfarrer Hermann Trusheim, Hanau
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