Sündenböcke werden immer gesucht wenn etwas schiefgegangen ist. Ob man die Schuld immer nur auf eine Person laden kann, schwarze Schafe auch in Schafsherden die Außenseiter sind und woher die Redewendung eigentlich stammt, ist diese Woche unser Thema in Start am Sonntag.

"Wenn es gut läuft, sind wir die Lieblinge, wenn es schlecht läuft, sind wir die Bösen." Dieses Gefühl teilen offenbar zurzeit viele Menschen mit Migrationshintergrund. Viele davon äußern sich unter dem Hashtag #MeTwo. Das Phänomen ist nicht neu. Die ganze Menschheitsgeschichte hindurch mussten Gruppen und Einzelpersonen als Sündenböcke herhalten: von Jesus Christus über "die Juden" und bis hin zu den Ausländern heute. Ein gemeinsamer Sündenbock schweißt zusammen. Und er nimmt uns die Aufgabe zu fragen: ist wirklich nur einer an allem schuld? Wir sprechen darüber mit dem Psychologen Werner Gross vom Psychologischen Forum Offenbach.

Nach dem Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft werden nun Sündenböcke gesucht. In der CSU sucht man jetzt schon Sündenböcke für den Fall, dass die Partei die absolute Mehrheit bei den Landtagswahlen verliert. In Familien übernimmt die Sündenbockfunktion oft das "Schwarze Schaf der Familie". Wir fragen bei einem Schäfer nach, ob das schwarze Schaf in einer Herde auch unter den Schafen ein Außenseiter ist.

Ursprünglich stammt die Geschichte vom Sündenbock aus der Bibel. Es gab das Ritual, dass einmal im Jahr die Sünden des Volkes Israel symbolisch auf einen Ziegenbock abgeladen wurden, der dann in die Wüste gejagt wurde. Das ist die Vorlage für unsere heutige Redewendung mit dem Sündenbock.

Woher kommt eigentlich...?

Sprichwörter nutzen wir täglich in verschiedenen Situationen, wie diese Redewendungen aber in unseren alltäglichen Sprachgebrauch gelangten und was viele eigentlich bedeuten, wissen wir meist nicht. Hier ein paar Hintergrundinformationen zu biblischen Sprichwörtern:

"Jemanden in die Wüste schicken"
Levitikus 16,21-23: Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.

Wüste
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Mit dieser Bibelstelle schlägt man sprichwörtlich Zwei Fliegen mit einer Klatsche. Denn nur die Redewendung "Jemanden in die Wüste schicken" rührt daher, sondern auch der Begriff "Sündenbock". Heute ist damit der Rausschmiss von Angestellten oder das Beenden einer mehr oder weniger engen Beziehung gemeint. Wer in die Wüste geschickt wird, wird vom lebensfreundlichen, in den lebensfeindlichsten Bereich gewiesen.

"Was für ein Tohuwabohu"
Genesis 1,2: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.

Von einem Tohuwabohu spricht man, wenn großes Chaos herrscht. Die Redewendung kommt aus der biblischen Schöpfungsgeschichte. Als Gott die Welt schuf, war dort zunächst ein großes Durcheinander, "tohu wavohu". Das ist hebräisch und kann mit "wüst und leer" übersetzt werden.

"Jemandem die Leviten lesen"

Wer "jemandem die Leviten liest" weist sein Gegenüber zurecht. Das Alte Testament der Bibel enthält im dritten Buch Mose zahlreiche Verhaltensregeln, unter anderem für die Priester des Volkes Israel, die so genannten Leviten. Im Mittelalter wurde das dritte Buch Mose, das auch Levitikus genannt wird, häufig als Grundlage für christliche Strafpredigten in Klöstern eingesetzt, um die Mönche zum rechten Verhalten zu ermahnen oder zu tadeln. Aus dieser Zeit stammt auch die Redewendung.

"Über den Jordan gehen"
Josua 3,14: Da zog das Volk aus seinen Zelten aus um über den Jordan zu gehen.

Mündung des Jordans im Toten Meer
Mündung des Jordans im Toten Meer Bild © Colourbox.de

Nachdem den Israeliten die Flucht aus der ägyptischen Sklaverei gelungen war, überquerten sie schließlich den Jordan, den größten Fluss Palästinas, und kamen auf der anderen Flussseite in das "Gelobte Land". Später wurde dieser Übergang bildhaft gedeutet: wer stirbt, der geht – symbolisch – "über den Jordan" und kommt – so glauben Christen - in das ewige Leben im Himmelreich.

"Alle Jubeljahre einmal"
Levitikus 25,10: Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Jobeljahr für euch sein. Da soll das Signalhorn blasen durch das ganze Land.

"Alle Jubeljahre einmal": Das sagt man, wenn etwas ziemlich selten geschieht. Der Ausdruck stammt aus einem Gesetz aus dem Alten Testament. Darin wurde das "Jobeljahr" vorgeschrieben. Dieses Jahr wurde mit Signalen aus Hörnern eingeläutet, die auf Hebräisch "Jobel" heißen. In solch einem "Jobeljahr" sollten verarmten Familien die Schulden erlassen und Sklaven befreit werden.  Allerdings war nur alle 50 Jahre ein solches "Jobeljahr" vorgesehen – viel zu selten.

"Die Feuertaufe bestehen"
Lukas 3,16: Johannes sprach: Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber einer, der wird mit dem heiligen Geist und Feuer taufen.

Wer in einer neuen Situation zum ersten Mal eine Herausforderung meistert, der ist danach "durch die Feuertaufe" gegangen. Früher sprach man in Kirchenkreisen vom Märtyrertod auch als Bluttaufe, oder wenn er durch Verbrennen stattgefunden hatte, als Feuertaufe. Diese besondere Art von Taufe sollte sofort zur vollen Seligkeit führen. Der Ausdruck stammt aus der Bibel. Dort sagt Johannes der Täufer, dass bald einer kommen werde, der "wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen". Das Symbol des Feuers wird in der Bibel häufig für einen inneren Reinigungsprozess verwendet. Später wurde die Redewendung auch in weltlichen Zusammenhängen benutzt: Soldaten, die den ersten Kugelhagel überlebt hatten, sind durch ihre "Feuertaufe" gegangen.  

"Ein Buch mit sieben Siegeln"
Und ich sah in der Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben von innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und niemand – weder im Himmel noch auf der Erde – konnte das Buch auftun.

Offenbarung des Johannes Mosaik
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Wenn wir etwas ganz und gar nicht verstehen, dann bleibt es uns "ein Buch mit sieben Siegeln“. Die Bibel erzählt von diesem Buch in der Offenbarung des Johannes. Der beschreibt darin eine Vision: Er sieht einen himmlischen Thronsaal und Gott, der auf dem Thron sitzt, hält ein Buch in den Händen. In diesem Buch – so beschreibt es Johannes – ist der Lauf der Welt eingetragen. Aber niemand auf dieser Welt hat einen Zugang dazu, es bleibt ein ewiges Rätsel.

"Eine Hiobsbotschaft erhalten"

Schlechte Nachrichten treffen uns wie "Hiobsbotschaften". Der Ausdruck ist abgeleitet von der biblischen Erzählung um den wohlhabenden und frommen Hiob, dessen Gottesbeziehung durch Leiden auf die Probe gestellt wird . Die Geschichte beginnt damit, dass unmittelbar nacheinander vier Boten bei Hiob eintreffen, die ihm berichten, dass er durch Kriegs- und Naturkatastrophen seine Viehherden, seine Knechte und schließlich seine Söhne und Töchter verloren hat

"Sein Licht unter den Scheffel stellen"
Matthäus 5,15: Man zündet auch kein Licht an und stellt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter. So leuchtet es allen, die im Haus sind.

Die Aufforderung ist klar: Der Mensch soll seine Talente offen nutzen. Bleibt die Frage: Was ist ein Scheffel? So wird ein altes Hohlmaß von – je nach Region – 40 bis 230 Litern bezeichnet, ein hoher, runder, wasserdichter Holzbottich, im süddeutschen Schaff oder Schäffel genannt, der zur Bestimmung von Getreidemengen diente. Stülpte man einen solchen Messbecher über eine Kerze, war das Licht logischerweise nicht mehr zu sehen.

"Zur Salzsäule erstarren"
Genesis 19,26: Lots Frau sah hinter sich und erstarrte zur Salzsäule.

Säule
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Wer sich erschreckt, der erstarrt vielleicht zur Salzsäule. So erging es in der Bibel auch Lots Frau. Sie und Lot konnten aus Sodom fliehen, als die Stadt zerstört wurde. "Lauft weg und dreht euch nicht um", hatte ein Engel zu ihnen gesagt. Doch außerhalb der Stadtmauern blickte sie zurück, sah, dass ein Feuerhagel auf Sodom niederging und erstarrte zu einer Salzsäule.

"Feuer und Flamme sein"
Apostelgeschichte 2, 3-4: Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer und sie setzten sich auf einen jeden von ihnen und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist.

Wer eine gute Idee hat, der brennt dafür, sie umzusetzen und ist Feuer und Flamme. Auch die Jüngerinnen und Jünger erlebten das in der Pfingstgeschichte der Bibel. Sie wurden vom Heiligen Geist erfüllt, heißt es da. Es war wie ein Feuer, das jeden von ihnen erfasste und plötzlich wollten sie alle in die Welt hinaus ziehen und von Jesus erzählen, denn was er gesagt hatte, das begeisterte sie: sie waren Feuer und Flamme.

"Von Pontius bis Pilatus"
Lukas 23, 6-11: Als Pilatus das aber hörte, schickte er Jesus zu Herodes. Der fragte ihn manches und sandte ihn zurück zu Pilatus.

Jesus vor Pontius Pilatus
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Wer vergebens von einem zum anderen läuft, der rennt von Pontius bis Pilatus. Eine merkwürdige Redewendung ist das, schließlich handelt es sich bei beiden Namen um die gleiche Person. Pontius Pilatus war der Statthalter von Jerusalem, der Jesus zunächst erfolglos zu König Herodes schickte, bevor er ihn schließlich doch selbst zum Tode verurteilte. Einleuchtender ist die Redewendung daher im Dänischen. Da heißt es nämlich: jemanden "von Herodes zu Pilatus" schicken.

Erklärungen und Tipps

Werner Gross ist Psychologe vom Psychologischen Forum Offenbach und liefert Erklärungen und Tipps zum Umgang mit Sündenböcken und der eigenen Schuld.

  • Ein "Sündenbock" hat den Vorteil, dass man jemandem die Schuld aufladen kann. Mit der realen Schuld hat das aber oft wenig zutun, sagt Gross. Ein Sündenbock liefert einfache Erklärungen, entkompliziert und schafft ein eindeutiges Feindbild. Das Benennen eines Sündenbocks ist somit ein einfaches Erklärungsmuster für Fehler.
  • Ein klares Feindbild hält die Gruppe zusammen, Sündenböcke stärken den Gruppenzusammenhalt. Wie man leider schon oft in der Geschichte sehen konnte. Das Böse und Schlechte ist draußen, das sind nicht wir. Probleme und Konflikte innerhalb der Gruppe werden unwichtiger, da sich auf das äußere Böse fokussiert wird. Besonders oft sind es Minderheiten, die als Sündenbock abgestempelt werden.
  • Für einen Denunzierten ist es ein "Schlag in die Magengrube" sagt Werner Gross. Man wird in die Ecke gestellt und erfährt die kalte Schulter der Gesellschaft. Dabei ist Bestätigung und Anerkennung von Mitmenschen ungemein wichtig. Der "soziale Tod" kann zu heftigen psychischen Problemen, wie Depressionen führen.
  • Lösungsansätze sind: Mit Unbeteiligten sprechen und diese einbeziehen, sodass die emotionale Ebene verlassen und nur die Fakten angesehen werden.  Generell ruhig und gelassen das Problem der Schuld angehen, ein vorschnelles Urteil nach dem Motto: "Ich wusste doch schon immer dass Du alles vermasselst" kann oft die Situation verschlimmern. Das eigene Umgehen mit der Schuld ist das Wichtigste. Man muss sich immer die Frage stellen: „Was habe(n) ich/wir falsch gemacht? Selbstkritik und Selbstreflexion helfen beim Anerkennen der eigenen Schuld und können bereits vor einer Eskalation des Konflikts entschärfen.

Der hr1-Klappkalender

Auch diese Woche gibt es wieder unseren hr1-Klappkalender. Der Spruch soll Sie durch die Woche begleiten. Das Kalenderblatt finden Sie als Download unten, hier gibt es außerdem die "Bastelanleitung" für den Wochenkalender [PDF - 2mb].

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Sonntagsgedanken Sommerreihe, Teil 8:
Family of the Year: "Hero"
Pfarrer Hermann Trusheim, Hanau
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