Paar im Bett
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Wie oft hatten Sie in den letzten vier Wochen Sex? Die Antworten auf diese und hunderte weiterer Fragen sollen zeigen, wie es um das Liebesleben der Nation bestellt ist. Der deutsche "Kinsey Report" ist die größte Umfrage dieser Art und startet dieser Tage. Hier einige interessante Auszüge aus der Vorstudie.

Die neue Studie soll erstmals umfassend das sexuelle Verhalten, die Einstellungen und sexuelle Gesundheit der Bevölkerung erkunden. Das Forschungsprojekt zur "Gesundheit und Sexualität in Deutschland" (GeSiD) wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gefördert. Der Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Uniklinikum Eppendorf (UKE Hamburg), Professor Peer Briken, und sein Team leiten und betreuen die auf drei Jahre angelegte Studie.

Hamburger Sexualforscher wollten "es" wissen

Wie gut kannten Sie den Mann / die Frau, mit dem / der Sie zum ersten Mal Sex hatten? Haben Sie jemals für Sex bezahlt? Sehen Sie Pornovideos? Wenn ja, hatte Ihr Pornografiekonsum Auswirkungen auf Ihr Sexualleben? Wer erzählt einem Fremden, wie er bei einem One-Night-Stand ein Kondom benutzt oder ob er schon mal Analverkehr hatte? Die Hamburger Wissenschaftler entwickelten in Zusammenarbeit mit dem Sozialforschungsinstitut Kantar Emnid einen umfangreichen Fragenkatalog und führten im Dienste der Wissenschaft eine Vorstudie mit einer sogenannten Face-to-Face-Befragung durch.

222 intime Fragen

In der Pilotstudie wurden 662 Frauen und 485 Männer befragt. 469 Personen wurden persönlich interviewt und weitere 686 über postversandte Fragebögen. Es gab einen Fragenkatalog für Männer und eine Version für Frauen mit 222 Fragen zu verschiedenen sexualbezogenen Themengebieten. Abgefragt wurde unter anderem Wissen über

  • Sexualität und Sexualaufklärung
  • erste sexuelle Erfahrungen
  • Sexualität in der gegenwärtigen festen Beziehung und in der gegenwärtigen Singlephase
  • Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung
  • Einstellungen zur Sexualität
  • Sexualität und Online-Medien/Pornografie
  • Selbstbefriedigung/Masturbation
  • sexuelle Grenzverletzungen und Gewalterfahrungen
  • sexuelle Schwierigkeiten sowie Fragen zur allgemeinen Gesundheit und zur Lebenssituation

Nur wenige glückliche Singles

Bereits die Pilotstudie aus dem Jahr 2017 führte zu bemerkenswerten Ergebnissen: Zum ersten Mal wurde wissenschaftlich dokumentiert, dass viele Singles mit ihrer Situation nicht besonders zufrieden sind. Für die meisten Singles, vor allem für die Jüngeren, ist das Singleleben eine Übergangsperiode zwischen zwei Beziehungen. Alleine und ohne feste Beziehung zu leben, ist selten dauerhaft ein frei gewählter Lebensentwurf, sondern oft eine Mangelsituation.

So kann es auch nicht verwundern, dass sich die größte Gruppe der Singles eine feste Beziehung wünscht (41 Prozent), kommentierten die Hamburger Forscher. Der Wunsch nach einer festen Beziehung ist bei den alleinlebenden Männern sehr viel ausgeprägter, als bei den Frauen (58 zu 23 Prozent) und nimmt mit zunehmendem Alter ab: Bei den 61- bis 75-Jährigen geben immerhin 48 Prozent an, dass sie sich keine neue Beziehung wünschen.

Sex-Frequenz sinkt mit den Beziehungsjahren

Als verblüffendes Ergebnis bezeichneten die Sexualforscher auch das Ergebnis, dass 18- bis 30-jährigen Frauen schon mehr feste Beziehungen hatten als die 61- bis 75-jährigen Frauen in ihrem sehr viel längeren Leben. Die Sexualität sei heute nicht mehr an die Institution Ehe gebunden, aber sie fände vor allem in festen Beziehungen statt. Die höchsten Frequenzen ermittelten die Forscher in neuen, frischverliebten Beziehungen. In den ersten beiden Jahren haben Paare durchschnittlich fast zwölfmal pro Monat oder etwa dreimal pro Woche Sex. Nach den ersten beiden Jahren fallen die Sexhäufigkeiten dann deutlich ab, in Langzeitbeziehungen, die 21 Jahre oder mehr andauern, findet am wenigsten Sex statt - durchschnittlich dreimal pro Monat.

Wie oft hatten Sie in den letzten vier Wochen Sex?

Diese Frage wird auch in der Hauptstudie gestellt. An dieser nehmen 5000 repräsentativ ausgewählte Männer und Frauen in ganz Deutschland teil. Dabei werden Frauen von Frauen befragt unnd Männer von Männern. Ein Schwerpunkt der dreijährigen Studie soll das Wissen über sexuell übertragbare Krankheiten sein. Hierzu hatte bislang nur das Robert Koch-Institut (RKI) in mehreren Studien Daten zu bestimmten Erkrankungen gesammelt. Bei der nun folgenden Befragung geht es laut Professor Briken um "ein breites Konzept von sexueller Gesundheit, wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) formuliert hat."

Mehr Respekt beim Sex

Laut WHO-Definition setzt sexuelle Gesundheit voraus, "dass es eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen gibt sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen – frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Die sexuellen Rechte aller Menschen müssten geachtet, geschützt und erfüllt werden, fordert die Organisation".

Briken und sein Forscherteam verfolgen einen entsprechend breiten Ansatz. Zu den Themen des Fragenkatalogs gehören neben sexuellen Funktionsstörungen auch Traumatisierung und Gewalt, sexuelle Orientierung, Diskriminierung und Pornografie. "Aus unserer Sicht ist es ein Meilenstein in der deutschen Forschung", sagt der Hamburger Sexualforscher über sein Projekt.

Sendung: hr1, hr1 am Vormittag, 23.11.2018, 5 Uhr

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