Beeinflusst der Mond unseren Schlaf?
Der Einfluss des Mondes auf unseren Schlaf ist bislang noch ein kleines Forschungsgebiet. Bild © picture-alliance/dpa

Stört der Vollmond auch Ihre Nachtruhe? Viele Menschen sind der Überzeugung, dass der Mond den Schlaf beeinflusst. In astronomischen Foren, Frauenmagazinen und Medizinjournalen wird das Thema seit Jahren heftig diskutiert. Was ist Fakt, was ist Gefühl? Wir nehmen zwei wissenschaftliche Studien unter die Lupe.

STUDIE A: Vollmond bedingt Schlafstörungen

An den "Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK)" Basel erforscht der Chronobiologe Dr. Christian Cajochen den Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen. Ihm und seinem Team ist es 2013 gelungen, einen Zusammenhang zwischen den Mondphasen und dem Schlaf zu belegen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachmagazin "Current Biology".

Schlaflabor im Uniklinikum Münster
So sieht's in einem Schlaflabor aus. Bild © picture-alliance/dpa

In der Studie mit dem Titel "Evidence that the Lunar Cycle Influences Human Sleep" werteten die Schweizer Forscher die Daten früherer Studien über den Mondzyklus aus. Sie ergänzten diese Analyse durch die Testergebnisse mit Probanden (17 junge Erwachsene und 16 ältere Personen), die mehrmals im Schlaflabor übernachtet hatten. Dabei wurden deren Hirnströme aufgezeichnet, die Augenbewegung im Schlaf und die Ausschüttung bestimmter Hormone wie beispielsweise Melatonin gemessen. Dieses Hormon steuert den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers.

Die Bedingungen waren für alle Versuchsteilnehmer gleich: Ähnliche Schlafzeiten wie Zuhause, kaum Licht, eine konstante Raumtemperatur von 21 Grad Celsius, kleine Snacks und Trinkwasser nach Bedarf. Vor allem aber bekamen die Testschläfer keine Hinweise auf die Uhrzeit und die aktuelle Mondphase.

FAZIT 1: Bei Vollmond verringern sich Schlafdauer und Tiefschlafphase

Bei Vollmond fanden sich in den Hirnströmen der Probanden 30 Prozent weniger Delta-Wellen. Sie gelten als Anzeichen für Tiefschlaf.

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„Subjektiv bewerteten die Versuchsteilnehmer ihren Schlaf in den Vollmondphasen als schlechter.“ Zitat von Dr. Christian Cajochen, Chronobiologe und Schlafforscher
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Die Testpersonen brauchten zudem durchschnittlich fünf Minuten länger als sonst, um einzuschlafen. Insgesamt verkürzte sich ihre Nachtruhe bei Vollmond um rund 20 Minuten. Dieses Ergebnis stimmt mit der Analyse von Datensätzen aus dem Jahr 2014 überein: Auch bei dieser Testreihe zeigte sich bei Vollmondnächten eine kürzere Schlafdauer.

FAZIT 2: Der Körper produziert nur noch halb so viel Melatonin

Bei Vollmond produzierte der Körper nur noch rund halb so viel Melatonin wie sonst. "Im Gegensatz zum Tag-Nacht-Rhythmus sind Mond-Rhythmen nicht so offensichtlich und schwieriger zu dokumentieren - aber sie existieren", folgern die Forscher um Cajochen aus den Resultaten.

Forschungsleiter Christian Cajochen vermutet, der Mond-Rhythmus könne ein Relikt aus früheren Zeiten sein, als der Mond noch wichtiger Taktgeber für das Zusammenleben gewesen sei. Doch auch diese Studie erklärt noch nicht, wie genau der Erdtrabant auf den Körper wirkt.

STUDIE B: Vollmond hat nachweislich keinen Einfluss auf den Schlaf

Um Zufallsbefunde zu vermeiden, wie sie in Studien mit geringer Teilnehmerzahl möglich sind, untersuchten Forscher der Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München die Schlafdaten von 1.265 Probanden aus 2.097 Nächten.

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„Wir konnten keinen statistisch belegbaren Zusammenhang zwischen menschlichem Schlaf und den Mondphasen aufzeigen.“ Zitat von Dr. Martin Dresler, Schlafforscher und Neurowissenschaftler
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"Nachdem wir diese große Anzahl von Daten ausgewertet hatten, konnten wir frühere Ergebnisse aus anderen Studien nicht bestätigen", sagt der Neurowissenschaftler Dr. Martin Dresler. Er forscht am "Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour" in Nijmegen/Niederlande und ist seit 2013 Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

FAZIT 3: Bei über 20.000 Testschlafnächten gab es keinen Nachweis

Im Rahmen dieser Untersuchungen wertete das Team um Dr. Dresler weitere unveröffentlichte Analysen von über 20.000 Schlafnächten aus. Darin konnte ebenfalls kein Einfluss des Mondes festgestellt werden. Dass diese Ergebnisse nicht veröffentlicht worden sind, könne ein Beispiel für eine verzerrte Veröffentlichungspraxis sein, wie sie auch als "Schubladenproblem" bekannt sei, konstatiert Dr. Dresler.

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Was ist ein "Schubladenproblem"?

Darunter versteht man das Phänomen, dass viele Untersuchungen zwar durchgeführt, aber nie veröffentlicht werden – sie verbleiben stattdessen in der Schublade der Forscher. Die Tendenz, nur positive oder signifikante Ergebnisse zu veröffentlichen, nicht aber negative oder unschlüssige, ist ein viel diskutiertes Problem in der Wissenschaft, Medizin und Pharmazie. (Quelle: Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München)

Ende der weiteren Informationen

Bislang wurde der Einfluss des Mondes auf den Schlaf fast ausschließlich durch eine sogenannte Nachanalyse von Datensätzen untersucht, die bereits früher zu einem anderen Zweck erhoben worden waren. "Um die ganz offensichtlichen Einschränkungen von solchen Nachanalysen zu umgehen, müssten gut überlegte und genau auf den Zweck abgestimmte Experiment-Reihen mit einer großen Anzahl von Probanden durchgeführt werden", fasst der Neurowissenschaftler aus den Niederlanden zusammen.

Sendung: hr1, Koschwitz am Morgen, 17.7.2019, 5-9 Uhr

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