Dr. Cihan Celik

Pfleger*innen und Ärzt*innen geben alles auf den Corona-Stationen in Hessens Kliniken. Während ihrer Arbeit begleitet sie auch die Angst, sich selbst anzustecken. So erging es dem Lungenarzt Dr. Cihan Celik. Hier spricht er Klartext über den schweren Verlauf, Kontaktbeschränkungen und Coronaleugner.

Der Lungenfacharzt Dr. Cihan Celik arbeitet auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt und infizierte sich dort im Oktober selbst - vermutlich bei einem Patienten. "Ich war in einem Zustand, in dem ich mir über Angst nicht mehr viele Gedanken machen konnte. Aber an der Reaktion meiner Kollegen, die mich ganz hervorragend betreut haben, war zu merken, dass es sich um einen sehr besonderen und sehr schweren Verlauf handelte, mit dem selbst auf der Intensivstation niemand gerechnet hat. Das hat viele Kollegen überrascht und schockiert – mich auch", berichtet der Mediziner im Gespräch mit hr1-Moderator Thomas Koschwitz.

Der junge Arzt schwebte sogar in Lebensgefahr

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Dr. Cihan Celik
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Dr. Cihan Celik ist ein 34 Jahre junger Mediziner - er hatte keinerlei Vorerkrankungen und war körperlich fit. Dann musste der Pneumologe selbst auf die Intensivstation, schwebte sogar in Lebensgefahr. Nun ist Dr. Celik wieder im Dienst – und stellt fest, das nicht nur die Anzahl der Infektionen steigt, sondern auch die Anzahl schwerer Krankheitsverläufe. Damit steigt auch die Belastung des medizinischen Personals. "Wir werden langsam mürbe", gesteht Dr. Celik und ergänzt: "Nicht nur ich und meine Kolleg*innen auf den Intensivstationen, sondern auch das gesamte Personal in unserer und anderen Kliniken."

hr1: Dr. Celik, Können Sie sich erklären, warum Sie so einen schweren Verlauf hatten und das innerhalb von nur wenigen Stunden?

Dr. Cihan Celik: "Wir hatten das bisher immer als atypischen Verlauf gesehen, den man sieht. Zu dem Zeitpunkt, als ich erkrankte, waren schwere Verläufe noch eine Rarität. Doch jetzt, bei den aktuellen Aufnahmezahlen, sehen wir das immer häufiger: Ein viraler Infekt mit Covid-19, auf den sich eine sekundäre Lungenentzündung mit einem bakteriellen Infekt draufsetzt. Dieser Mechanismus ist auch bei anderen viralen Entzündungen bekannt. Aber dass das so fulminant abläuft und in so einer hohen Anzahl, das ist etwas, worauf man sich einstellen muss bei Covid-19."

hr1: Wie war das, plötzlich selbst auf der Intensivstation zu liegen? War Ihnen bewusst, wie ernst es um Sie stand?

Dr. Cihan Celik: "Wenn es einem so schlecht geht, dann kriegt man gar nicht mehr so wirklich mit, was um einen herum passiert. Die meisten Patienten sind eher apathisch, da ist die Angst eher weit weg von den Gefühlen. Bei mir war das auch so."

hr1: Hat diese Erfahrung Ihren Blick auf Covid-19 verändert?

Dr. Cihan Celik: "Ich hatte eigentlich gedacht, ich wüsste genug über diese Erkrankung. Aber mein Blick hat sich jetzt nochmal verschärft: Die innere Haltung und die Vorsicht, doch noch mal genauer zu schauen und keinem Frieden zu trauen, vor allem eine Infektion bei einem jungen Patienten ohne Vorerkrankung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Meine eigene Erkrankung hat mich in meiner Vorsicht bestärkt."

hr1: Was stimmt Sie hoffnungsvoll?

Dr. Cihan Celik: "Das ist zum einen die Impfung. Doch wir wissen, dass das nicht das Ende unserer Arbeit sein wird. Das wird nicht das Ende der Pandemie sein. Die wird uns noch Monate begleiten, auch im Krankenhaus. Aber es ist dennoch ein Hoffnungsschimmer. Wir hoffen, dass wir im Verlauf des ersten Halbjahres 2021 den Covid-Bereich in unserer Klinik verkleinern können."

hr1: Was ist aus Ihrer Sicht notwendig für die Zeit um Weihnachten und Silvester?

Dr. Cihan Celik: "Wir können da ja den Blick in die USA wenden. Denn die Amerikaner haben sich dafür entschieden, über Thanksgiving sehr viel zu reisen und jetzt sieht man den Effekt. Durch die große Reisewelle und die Besuche steigt jetzt die Anzahl der Neuinfektionen stark an – und mit Sicherheit auch die Anzahl der schweren Verläufe. Ich glaube, unter diesem Gesichtspunkt sollte man nochmal ganz kritisch überlegen, ob man die Kontaktbestimmungen über Weihnachten und Silvester wirklich lockern möchte. Aus meiner Sicht als Mediziner macht das keinen Sinn. Das ist natürlich ein Zugeständnis für die Menschen, aber aus meiner Sicht ist das ein etwas falsch verstandenes Zugeständnis. Denn im Endeffekt ist es für alle am besten, wenn keiner an diesem Virus erkrankt – insbesondere nicht die älteren Menschen, die zu Weihnachten besucht werden."

hr1: Was sagen Sie den Menschen, die behaupten: 'Corona gibt es nicht - alles übertrieben!'

Dr. Cihan Celik: "Dafür habe ich keine Energie mehr. So viel wie momentan zu tun ist, konzentrieren wir uns lieber auf die Arbeit. Und es gehört nicht viel dazu, selbst herauszufinden, was es mit Corona auf sich hat. Aber wenn man schon so weit ist, dass man nichts mehr von dem glauben möchte, was aus den Krankenhäusern berichtet wird, dann glaube ich, ist auch der Zeitpunkt gekommen, an dem ich resigniere. Da kann ich solche Menschen auch nicht mehr erreichen."

Sendung: hr1, h1-Koschwitz am Morgen, 8.12.2020, 5-9 Uhr