Kein Sport, kein Chor, kein After-Work-Bier mit Kollegen: Wir haben gerade ganz schön viel Zeit. Und ab und zu auch Langeweile. Denn auch das Handy und der Fernseher können öde sein. Und dann sitzt man da.

"Keine Angst vor Langeweile", sagt der Schweizer Autor Pierre Stutz. Er hat das Glück, einfach mal auf einer Bank zu sitzen und nichts zu tun, erst erlernen müssen. Nach einem Burnout ging ihm auf, wie sehr sein Leben ganz dem Leistungsprinzip verschrieben war.

Und wie tief er in das System des Habenwollens verstrickt war. Er war "gegroundet" und entdeckte dann die Lust und Freude des einfachen "Seins". Auch Hirnforscher können inzwischen begründen, warum Langeweile unserem Gehirn sehr gut tut. Bei Kindern, die heute kaum noch Langeweile kennen, fehlt damit sogar ein starker Lernimpuls. Wir fragen dort nach.

Zeiten der Langeweile sind das Eingangstor zur Fülle

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zum hr-fernsehen.de Video Mehr Kilos und weniger Schminke wegen Corona

maintower vom 13.11.2020
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Langeweile hat insgesamt eher ein schlechtes Image. Wir wollen der Langeweile ausweichen. Wir fühlen uns ungenügend, wenn wir nicht aktiv sind. Und wir trimmen uns andauernd selbst auf Leistung und Selbstoptimierung. Wir wollen schließlich alle geliebt sein, anerkannt. Und das erwirbt man sich heute über Leistung und Aktivität.

Das Nichtstun, die Langeweile dagegen werden als Leere empfunden. Dabei – das sagen schon die alten Weisheitslehrer – braucht es die Leere, die Leere der Zeit, die leeren Hände, um etwas empfangen zu können. Um sich füllen zu lassen, um "erfüllt" zu sein. Leere Zeiten, Zeiten der Langeweile sind das Eingangstor zur Fülle. Nur wer die Hände frei hat, dem kann etwas geschenkt werden.

Im Dialog mit meiner Angst

Allerdings trifft man in der Langeweile im Nichtstun auch auf seine "inneren Antreiber", die uns durchs Leben peitschen und uns daran hindern, einfach im Augenblick glücklich sein zu können. Sie sind tief eingefleischt und verbieten uns, etwas anderes wertvoll zu finden als die Leistung. In der Langeweile trete ich auch in einen Dialog mit meiner Angst. Die Angst neigt dazu, alles besetzen zu wollen, gerade auch in Corona Zeiten. Im Dialog mit der Angst werde ich mir bewusst: ich bin nicht Angst, ich habe Angst. So weise ich ihr souverän einen Platz zu.

Warten wird zur verlorenen Kunst

Langeweile kann mich öffnen für ein anderes, neues Lebensprogramm - des Gutseins mit mir selber, der Geduld und des Neuwerdens. Langeweile erleben wir gerade beim Warten mehr denn je: morgens in der Schlange beim Bäcker, vor der Post und beim Warten auf den nächsten freien Einkaufswagen am Supermarkt.

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zum hr2.de Audio Timo Reuter über "Warten"

Timo Reuter Warten Mock Up
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Der Journalist Timo Reuter ist überzeugt, dass Wartezeit eine geschenkte Zeit ist. Und das Warten eine verlorene Kunst ist. Er will uns anregen, die Lücken im Laufe des Tages, die wir anscheinend sinnlos mit Warten verbringen, zu würdigen und die "beglückende Kraft des Nichtstuns" zu entdecken. Wir fragen ihn, wie das geht.

"Boreout" - Unterforderung als Stressfaktor

Doch das Lob der Langeweile ist nicht ungetrübt, denn in Zeiten des Homeoffice gibt es mehr denn je auch den Stress der Langeweile. Das belegen Studien. Psychologen beschreiben, dass nicht nur zu viel Arbeit krank machen kann, sondern auch zu wenig Arbeit. Sie setzen dem "Burnout" inzwischen den "Boreout" gegenüber. Auch die Unterforderung ist ein Stressfaktor, der unglücklich machen kann.

Die christliche Tradition übrigens hat der Langeweile seit jeher den Kampf angesagt und gegen den Müßiggang gewettert. "Müßiggang ist aller Laster Anfang" schärfte man den christlichen Mönchen seit zweitausend Jahren ein. Und schuf so eine Armee nimmermüder Mönche, die das Abendland durch Arbeit und Gebet kultivierten. Darüber sprechen wir mit dem Mönch Anselm Grün.

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